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Cover Cainstorm Island - Der Gejagte

Cainstorm Island - Der Gejagte

Thriller

Erschienen 2019 bei dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
Sprache: Deutsch
336 Seiten; ab 13 Jahre
ISBN 978-3-423-43542-0

Kurztext / Annotation

"Meine Zuschauer lieben die Gefahr. Zumindest, wenn ich sie erlebe und sie durch meine Augen dabei zuschauen dürfen."

Emilios Welt ist geteilt. Auf der einen Seite das reiche Asaria. Auf der anderen Seite Cainstorm Island, überbevölkert, arm und von Gewalt zerfressen. Dort kämpft der 17-jährige, umgeben von brutalen Gangs, gegen die Schulden seiner Familie. Eines Tages spricht ihn ein Mitarbeiter von Eyevision und bietet Emilio einen Deal. Emilio willigt ein, sich einen Chip in den Kopf implantieren zu lassen. Dieser Chip ist an seinen Sehnerv angeschlossen und überträgt jeden Tag eine halbe Stunde lang, was Emilio sieht. Seine Videos, waghalsige Kletter- und Trainsurf-Aktionen, kommen an, die Zuschauerzahlen steigen langsam. Bis sein Leben eine unvorhergesehene Wendung nimmt: Emilio gerät in das Gebiet einer Gang und tötet einen der Anführer in Notwehr. Live und auf Sendung. Das Video verbreitet sich rasend schnell und Emilio wird zum Gejagten. Und zwar nicht nur von der Gang, sondern auch von Eyevision, die sehr eigene Pläne mit Emilio haben.

Marie Golien, 1987 in Wiesbaden geboren, wollte schon immer ihre eigenen Geschichten erzählen, nachdem sie ihre Kindheit in den fantastischen Welten von Hergé und Winsor McCay verbracht hat. Nach dem Abitur studierte sie Design mit dem Schwerpunkt auf interaktiven Medien, entwickelte Spiele-Apps und begann parallel dazu zu schreiben. "Cainstorm Island - Der Gejagte" ist nach einigen kürzeren Veröffentlichungen ihr erster Roman.

Textauszug

1

Ich hocke mich vor das schiefe Holzkreuz mit den vertrockneten Blumen. Das Kreuz steht noch keine zwei Tage hier und ich fühle mich einen Moment unwohl bei dem Gedanken, diese tragische Geschichte auszuschlachten. Andererseits, der Eisverkäufer ist tot, oder nicht? Was kümmert es ihn? Also lasse ich meine Augen über die roten Flecken wandern, die sich wie Rost über den Boden ziehen. Jemand hat versucht, das Blut zu entfernen, und es dabei nur noch weiter verwischt, bevor die Sonne es in den Asphalt gebrannt hat. Ich hebe den Blick. Lasse ihn über die Hauswand schweifen.

"Seht ihr die riesigen Löcher? Sie haben ihn aus der Nähe erschossen!"

Eine Frau, die schräg neben mir hockt, schaut hoch und mustert mich neugierig. "Mit wem redest du, Junge?"

Ich hatte gehofft, dass sie mich nicht beachtet. Aber es ist auch nicht meine Schuld, dass sie sich ihren Sitzplatz genau dort ausgesucht hat, wo der Mord passiert ist. Ich ignoriere sie. Leuchtend gelbe Neonschnürsenkel halten das Kreuz zusammen, fest verknotet. Ich lese laut: "Fernando! Wir treffen uns wieder! Ruhe in Frieden!"

Wenn man genau hinschaut, sind auf dem grellen Neon kleine braune Punkte zu erkennen. Meine Zuschauer mögen diese Details. Ich lasse meinen Blick wieder zur Wand schweifen. Eine aufgesprühte schwarze Schlange starrt auf mich herab. Aufgerissenes Maul und nadelspitze Zähne. Böses, leicht irres Funkeln in den Augen und bereit, sich auf mich herabzustürzen. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, obwohl die Schlange nur ein Graffiti ist. Möglichst verschwörerisch flüstere ich: "Wenn 'Las Culebras' jemanden hinrichten, sprühen sie diese Kobra über den Toten. Es ist eine Warnung an uns andere."

Die Frau bohrt mit einem Stöckchen in den Löchern ihrer Schuhsohle und betrachtet mich belustigt. "Sind hier Leute, die ich nicht sehe, Sherlock?"

Sie sitzt auf einem ausgefransten Tuch, auf dem sie Elektroschrott zum Verkauf aufgehäuft hat. Zerbrochene Monitore, eine vergilbte Tastatur und PC s, aus denen sich Kabel winden. Daneben dösen ein paar Straßenhunde im Schatten und ein Kind mit Bauchladen läuft die flimmernde Straße herunter. Niemand ist in unserer Nähe. Die bleierne Nachmittagshitze hat die Stadt erobert und die meisten Leute in ihre Wohnungen getrieben. Rein äußerlich ist an mir nichts Seltsames zu sehen und ich werde ihr auf keinen Fall von denen erzählen, die gerade zuschauen und zuhören. Sie soll mich ruhig für durchgeknallt halten. Stimmen im Kopf. Ein Fall für die Psychiatrie. Außerdem habe ich keine Zeit für Erklärungen.

Ich zucke mit den Schultern: "Manchmal denke ich laut."

Meine Zuschauer interessieren sich nicht für die Frau, die ihre Augenbrauen jetzt in einer 'Ich glaube dir kein Wort'- Manier nach oben zieht. "Wer war der Tote? Warum wurde er erschossen?" , wollen sie wissen. Mord und Totschlag ziehen bei ihnen immer. Inzwischen kenne ich sie gut. Für ein paar blutige Geschichten an einem langweiligen Donnerstagnachmittag sind sie immer zu haben. Echtes Drama aus sicherer Entfernung.

Herzchen und Inschriften sind um das Kreuz auf den befleckten Boden gekritzelt. Mit geübter Langsamkeit lasse ich meinen Blick darübergleiten. Ich habe bei dem ermordeten Typen ein paarmal Eis gekauft. Wasser mit Farbstoff. Netter Kerl, aber high wie ein Astronaut, mit Pupillen groß wie Münzen. Ich kann mir denken, wie die Sache mit Las Culebras abgelaufen ist: Schulden, Versprechungen, Sucht, Drohungen und schließlich ein elender Tod neben seinem Eisstand. Aber das ist eine zu langweilige Geschichte.

"Er hieß Fernando und war in ein Mädchen verliebt, das Mitglied bei Las Culebras war", erfinde ich.

Die Frau an der Mauer zieht die Augenbrauen so hoch, dass sie fast ihren Haaransatz berühren. "Echt jetzt?", fragt sie skeptisch.

"Es war ein Geheimnis. Niemand wusste davon."

Ich gebe ihr keine Zeit, auf meine Lügen

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

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