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Cover Affektives Kapital

Affektives Kapital

Die Ökonomisierung der Gefühle im Arbeitsleben

Erschienen 2016 bei Campus Verlag
Sprache: Deutsch
245 Seiten; 214 mm x 141 mm
ISBN 978-3-593-39861-7

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Einleitung: Über die Ökonomisierung von Gefühlen 9

1. Von Gefühlen, Emotionen und Affekten: Begriffliche Klärungen in einem weiten (Forschungs-)Feld 21

1.1. Über die wissenschaftliche (Wieder-)Entdeckung von Emotionen 22

1.2. Sozialwissenschaftliche Dimensionen von Emotionen und Gefühlen 31

1.3. Die affektive Wende 37

1.4. Eine machtsensible Definition von Affekten 48

2. Von emotionaler zu affektiver Arbeit: Annäherungen an die Transformationen von Erwerbsarbeit 57

2.1. Die 'Entdeckung' emotionaler Arbeit 57

2.2. Affektive Arbeit im verkörperten Kapitalismus 63

2.3. Affektive Arbeit und Geschlecht 68

3. Affektives Kapital und Affekte als Regierungstechnik: Eine gesellschaftstheoretische Perspektive 75

3.1. Affektives Kapital 76

3.2. Dispositiv, Gouvernementalität und Regieren 82

4. Neoliberale affektive Gouvernementalität: Wandel zentraler gesellschaftlicher Felder 95

4.1. Neoliberalismus als Regierungsrationalität 95

4.2. Staat, Politik und Affekte 102

4.3. Ökonomie, Konsum und Affekte 119

5. Neoliberalisierung und Transformationen der Erwerbsarbeit 133

5.1. Von der 'Freiheit von Arbeit' zur 'Freiheit in der Arbeit' 134

5.2. Arbeit der Subjektivierung 141

5.3. Flexibilisierung, Prekarisierung und Entgrenzung der Erwerbsarbeit 148

5.4. Interaktive Dienstleistungen als affektive Arbeit: Das unternehmerische Selbst und neoliberale affektive Gouvernementalität 156

6. Affektive Staatlichkeit: Von der Bürokratie zur öffentlichen Dienstleistung am Beispiel Österreich 161

6.1. Die Entwicklung Österreichs in Richtung neoliberalem Wettbewerbsstaat und Wissenskapitalismus 163

6.2. Vom Amt zur Dienstleistung: Affektive Folgen der Privatisierung der österreichischen Post 174

6.3. Wandel der Geschlechterverhältnisse: Maskulinisierung oder Feminisierung durch affektive Arbeit? 192

7. Affekte als gesellschaftliches Transformationspotenzial? Formen des Widerstands und der Solidarisierung im verkörperten Kapitalismus 203

8. Fazit: Affektive Herrschaft im Neoliberalismus 215

Literatur 225

Besprechung

"In ihrem Buch "Affektives Kapital", entwickeln Otto Penz und Birgit Sauer ihren eigenen Ansatz, der - mit Bezug auf Pierre Bourdieu - davon ausgeht, dass Gefühle heute wertschöpfend eingesetzt werden, und zwar nicht mehr nur in den traditionell "weiblichen" Berufen. In diesem Sinne sprechen Penz und Sauer auch von einer "Feminisierung der Arbeit", da der früher als "weiblich" konnotierte Einsatz von Emotionalität zunehmend in allen Arbeitsfeldern gefordert ist." Andrea Roedig, Der Tagesspiegel, 22.12.2016

Kurztext / Annotation

Mit dem Wandel von der industriellen zur Dienstleistungsgesellschaft werden Gefühle zu entscheidenden beruflichen Kompetenzen. Sie unterliegen der Vermarktlichung und werden zu einem Kapital. Otto Penz und Birgit Sauer entwickeln vor diesem Hintergrund in Anlehnung an Bourdieu und Foucault ein kritisches gesellschaftstheoretisches Konzept von Affekten. Sie untersuchen deren soziale und geschlechtsspezifische Prägung im Kontext neoliberaler Transformation von Erwerbsarbeit und zeigen am Beispiel einer einst staatlichen Verwaltung, nämlich der Post, wie die Fremd- und Selbstkontrolle von Affekten zu einer unternehmerischen Haltung der Arbeitskräfte beiträgt.

Das Buch behandelt sowohl die Auswirkungen affektiver Arbeit auf die Subjektivität der Beschäftigten als auch die Frage der affektiven Vergesellschaftung von Arbeitskräften im gegenwärtigen Kapitalismus. Es diskutiert, ob die Mobilisierung von Affekten zum Verschwinden der Geschlechterdifferenz führt und ob sich aus affektiven Beziehungen neue Chancen für solidarisches Handeln angesichts prekärer Arbeitsverhältnisse eröffnen.

Textauszug

Einleitung: Über die Ökonomisierung von Gefühlen

"Gefühle einschalten." So plakatiert im Sommer 2015 ein österreichischer Radiosender, um für sein neues Klassikprogramm zu werben. Zeitgleich inseriert eine Automarke aus dem kostspieligen Segment: "Männergefühle haben einen Namen" - nämlich den der Automarke - und: "Männergefühle können stark sein. Nämlich 241 PS stark." Dass Werbung auf Gefühle abzielt, ist nichts Neues, und doch weisen diese Beispiele von Plakatwerbung im städtisch-öffentlichen Raum auf einen neuartigen Umgang mit Gefühlen im Vergleich zu den Jahrzehnten zuvor hin. Lange Zeit waren Gefühle in die Privatheit von Intimbeziehungen und die Semiöffentlichkeit von Beratungsmagazinen oder Therapien weggeschlossen. In der Werbung sollten sie eher unterschwellig angesprochen werden, damit sie Einfluss gewinnen können. Demgegenüber geht die ostentative Rede über Gefühle von anderen Wirkungszusammenhängen aus. Gefühle sollen gezeigt werden, nicht mehr verborgen bleiben: "Zeig deine Gefühle" - so adressiert eine "innovative App" des Kunstprojekts Art of Feeling in einem Wiener Museum die BesucherInnen. Wir befinden uns also mitten in einem Prozess der diskursiven Hervorbringung von Gefühlen, einem Gefühlsdiskurs, der nicht nur den öffentlichen Umgang mit Gefühlen neu formatiert, sondern auch das Verhältnis der Menschen zu ihren Gefühlen neu definiert: Menschen sollen ermuntert werden, ihre Gefühle nicht mehr als 'privat' zu betrachten, sondern sie zu äußern, zu veröffentlichen. Dies wiederum, so eine der Ausgangsannahmen dieses Buches, etabliert neue Machtverhältnisse, wird doch dieser Gefühlsgestus zum Credo eines auf Gewinn in allen Lebenspraxen bedachten Menschen. "Wer Gefühle zeigt, gewinnt", formulierte dies eine Wiener Werbekampagne bereits vor einigen Jahren. Und umgekehrt: Wer keine Gefühle zeigt, verliert und ist somit höchstens am Rande der neuen (Arbeits-)Welt verortet. "Das Subjekt partizipiert am öffentlichen Leben über die Konstruktion und Zurschaustellung seiner 'privaten' Emotionen", schreibt Eva Illouz (2006, 81). Besonders augenscheinlich werde dies in den Talk- und Realityshows (ebd., 79ff.), die seit den 1990er Jahren im Fernsehen florieren, in denen die subjektiven Befindlichkeiten der AkteurInnen im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Die öffentliche Darstellung dieser emotionalen Konstitution kann in Fernsehformaten wiederum in Wert gesetzt werden bzw. wird zur Voraussetzung für eine Teilhabe am öffentlichen Format - und an Öffentlichkeit.

Dieser Wandel von Gefühlsverhältnissen, so die Ausgangsvermutung dieses Buches, gründet in neuen ökonomischen, sozialen und politischen Verhältnissen, nämlich dem Wandel westlicher Industriegesellschaften hin zu Dienstleistungs- und Wissensökonomien, einer neoliberalen Reorganisation von Staat und Ökonomie sowie mit diesen Transformationen verknüpften Veränderungen sozialer Institutionen des Arbeits- und Zusammenlebens, auch von Alltagspraxen. Ersteres zeigt sich in der Veränderung von Arbeitsprozessen in Richtung immaterieller Arbeit, durch die Kommunikation, Wissen und auch Gefühle hergestellt werden - Arbeitsprozesse, die auf Kooperation beruhen und in die nicht zuletzt die Affektivität der Arbeitskräfte einfließt. Die zweite Dimension manifestiert sich beispielsweise in der Deregulierung von Arbeit, aber auch in der Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen im Zeichen von Effektivität und Kosteneffizienz. Diese öffentlichen Dienstleistungen unterliegen einem marktförmigen Wettbewerb und haben sich auf Märkten zu bewähren. Seit den 1990er Jahren beschleunigt sich im globalen Norden die Vermarktlichung und Kommodifizierung von Dienstleistungen, wie öffentlicher Transport, Telekommunikation und Post, die bessere Leistungen und größere KundInnennähe versprechen, und aus staatlichen Bürokratien im Dienste der Allgemeinheit erwachsen Dienstleistungsunternehmen mit Profiti

Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Otto Penz lehrt Soziologie an der Universität Wien und an der Wirtschaftsuniversität Wien. Birgit Sauer ist Professorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien.

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