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Cover Der Ungarnaufstand 1956

Der Ungarnaufstand 1956

Eine Revolution und ihre Folgen

Erschienen 2009 bei C. Bertelsmann
Sprache: Deutsch
321 Seiten
ISBN 978-3-641-01034-8

Inhaltsverzeichnis

1;Inhalt;6
2;Einleitung;8
3;I Ein Tag, der die Welt erschütterte;12
4;II Der Weg zum Aufstand;34
5;III Eine Nacht der verhängnisvollen Entscheidungen;55
6;IV Die Sage der Corvinisten;65
7;V Das Ringen um Imre Nagys Seele;79
8;VI Am toten Punkt;88
9;VII Wende mit Fragezeichen;96
10;VIII Der General, der Oberst und der Adjutant;103
11;IX Die Dämme brechen;116
12;X Der Condottiere, der "Onkel" und die Romantiker;124
13;XI Die Entscheidung im Kreml: Ende der Geduld;135
14;XII Der doppelte Sprung ins Dunkle;144
15;XIII Die Drahtzieher und das Kádárrätsel;157
16;XIV Der "Wirbelsturm" und Kádárs Phantomregierung;168
17;XV Die jugoslawisch-sowjetische Verschwörung;182
18;XVI Die zweite Revolution;192
19;XVII Moralischer Bankrott der US-Befreiungskonzeption;204
20;XVIII Der Widerhall in der Welt;215
21;XIX Grausamer Rachefeldzug der Sieger;233
22;XX 1956-1989: Sieg in der Niederlage?;249
23;Epilog: Wem gehört 1956?;268
24;Danksagung;273
25;Zeittafel;274
26;Anmerkungen;279
27;Bibliografie;301
28;Personenregister;307
29;Sachregister;312
30;Abbildungsnachweis;321

Kurztext / Annotation

ZUM 50. JAHRESTAG DES UNGARN-AUFSTANDS.
Historische Darstellung, politische Bewertung und persönlicher Erlebnisbericht.

Der Publizist Paul Lendvai floh 1956 nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands aus seiner Heimat. 50 Jahre später blickt er zurück und erkennt die ungarische Tragödie als Ausgangspunkt für die spätere Befreiung Osteuropas.

'Der Vater wurde geohrfeigt wie ein Kind, geprügelt wie ein Pferd; in ihrer Not schlugen sie ihn auf die Nieren, dann systematisch auf den Körper.' Fast 50 Jahre nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands entdeckte der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy, dass sein Vater Fürst Esterházy, unter den Schlägen des Kadar-Regimes innerlich zerbrach. Auch für den renommierten Publizisten Paul Lendvai ist der ungarische Volksaufstand, den er hautnah erlebte, gegenwärtig. In seinem neuen Buch verbindet er seine persönliche Geschichte mit den historischen Hintergründen und den politischen Konsequenzen. Ausgehend von den eigenen Erlebnissen, ergänzt durch Berichte Überlebender, Aussagen in Geheimprozessen und anhand von Protokollen aus Partei und Regierung rekonstruiert Lendvai den Aufstand, der am 23. Oktober 1956 wie ein politisches Naturereignis das Land erfasste und das System von sowjetischer Fremdherrschaft und ungarischen Helfershelfern mit elementarer Kraft hinwegfegte. Er verfolgt den Weg des Aufstands bis zum Zusammenbruch, protokolliert die blutige Abrechnung mit Ministerpräsident Imre Nagy und allen Wegbereitern, den Rachefeldzug des Kadar-Regimes und die Folgen für den ungarischen 'Gulaschkommunismus'. Sein Fazit: Der Ungarn-Aufstand war eine historische Zäsur für das Europa des 20. Jahrhunderts. Er war die Vorhut jener Umwälzungen in Prag 1967, in Warschau 1981 und für die ungarische Grenzöffnung 1989, die zum Zusammenbruch des Ostblocks führten und das Gesicht Europas entscheidend veränderten.

Paul Lendvai, geboren in Budapest, lebt seit 1957 in Wien. Er war 22 Jahre Wiener Korrespondent der 'Financial Times', 1982 Chefredakteur der Ost- und Südosteuropa-Redaktion des ORF, von 1987 bis 1998 Intendant von Radio Österreich International. Honorarprofessor (1980) und seit 2003 Fellow des Centrum für angewandte Politikwissenschaft (München). Paul Lendvai ist Mitherausgeber und Chefredakteur der internationalen Vierteljahreszeitschrift 'Europäische Rundschau' und Leiter des TV-Europastudios des ORF. Für seine publizistischen Leitungen wurde ihm 1974 der 'Karl-Renner-Preis', 1999 der 'Axel Corti-Preis' der österreichischen Volksbildung und 2001 der 'Corvinus-Preis' des Budapester Europa Institutes verliehen. Elf vielbeachtete Sachbücher, zum Teil auch auf Englisch, Französisch und Ungarisch. 1994 'Bruno-Kreisky-Preis' für 'Zwischen Hoffnung und Ernüchterung - Reflexionen zum Wandel in Osteuropa' und 1997 Donauland-Sachbuchpreis für 'Auf schwarzen Listen - Erinnerungen eines Mitteleuropäers'. Bei C. Bertelsmann veröffentlichte er 1999 das Standardwerk 'Die Ungarn'.

Textauszug

IX Die Dämme brechen (S. 115-116)

Die entscheidenden Tage zwischen dem scheinbaren Sieg der Revolution und der zweiten sowjetischen Intervention waren durch eine ganz merkwürdige Ambivalenz gekennzeichnet. Die Nagyregierung versuchte durch eine Vielzahl von Gesten das Vertrauen des Volkes zu gewinnen. Zugleich bemühte sie sich, durch Abmachungen mit den revolutionären und basisdemokratischen Organisationen, aber auch mit den sich neu formierenden Parteien der einstigen Koalition die Konsolidierung voranzutreiben.

Doch gerade diese Partner beschleunigten gleichzeitig durch Maximalforderungen das Tempo, um durch Druck immer neue Konzessionen von einer im Grunde machtlosen Regierung zu erzwingen. Die Staatspartei war schon nur ein Schatten der alten straff organisierten Kaderpartei, und die Gründung einer neuen Arbeiterpartei wurde bald beschlossen. Die anderen so genannten Koalitionsparteien waren noch nur Schattenparteien, weil sie über keine Organisationen verfügten. Die Staatssicherheit, die gefürchtete Säule der Diktatur, wurde zuerst demoralisiert und dann faktisch zerschlagen. Die Nationalgarde war erst in Ansätzen vorhanden.

Die Armee war auch weitgehend gelähmt und wurde von beiden Seiten - von den Aufständischen wie von den Sowjets - mit unverhohlenem Misstrauen angesehen. Die Polizei spielte während der gesamten Revolution nur eine marginale Rolle. Unter diesen Umständen konnte Imre Nagy einstweilen nur rhetorische Lösungen anbieten und zahlreiche Delegationen von Arbeiter- und Revolutionsräten aus der Provinz und aus Großbetrieben sowie Vertreter der Aufständischen von praktischen, auf die allgemeine Konsolidierung zielenden Schritten überzeugen. Allein am Abend des 30. Oktober empfing Nagy, zusammen mit Kádár, Tildy und Erdei, zehn verschiedene wichtige Delegationen.

Ungeachtet der soeben bekannt gegebenen Einführung des Mehrparteiensystems forderten die Delegierten fast alles sofort: freie Wah len, frei gewählte Gewerkschaften, den Austritt aus dem Warschauer Pakt, die Verkündung der Neutralität, den Abzug der sowjetischen Truppen aus dem Land und die Entfernung der alten, durch die Rákosizeit diskreditierten Minister aus der Regierung. Ähnliche Forderungen stellten die verschiedensten Organisationen, so auch das politisch besonders bedeutende Nationalkomitee von Transdanubien (Györ). Die Persönlichkeit Imre Nagys, seine Entschlossenheit und seine Aufrichtigkeit, gepaart mit seinem Plädoyer für "etwas Geduld", beeindruckten die meisten seiner Gesprächspartner.

Nach der Begegnung der transdanubischen Delegation unter der Leitung von Attila Szigethy mit dem Regierungschef am 31. Oktober sprach der regionale Nationalrat am nächsten Tag der Regierung das Vertrauen aus und erteilte den Bestrebungen zur Gründung einer westungarischen Gegenregierung eine klare Absage.1 Die Revolution besiegte zwar die kommunistische Parteidiktatur, aber der endgültige Sieg hing vom Ausgang des nationalen Freiheitskampfes ab. Die sowjetische Regierung hatte in ihrer feierlichen Erklärung vom 30. Oktober die Fehler ihrer Politik gegenüber den Verbündeten zugegeben. Zugleich hatte sie sich bereit erklärt, die sowjetischen Truppen nicht nur aus Budapest abzuziehen, sondern mit der ungarischen Regierung und den anderen Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes auch Verhandlungen über den Aufenthalt der sowjetischen Truppen auf ungarischem Territorium aufzunehmen.

Diese Erklärung löste damals in Ungarn große Freude aus. Selbst der vorsichtig formulierende Imre Nagy, dem Botschafter Andropow den Text formell im Parlament überreicht hatte, war so beeindruckt, dass er in einer improvisierten Rede vor Demonstranten am Parlamentsplatz noch am frühen Nachmittag des 31. Oktober den "Triumph" und "Sieg des revolutionären Kampfes" proklamierte: "Wir werden keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Ungarns dulden... Wir erleben die ersten Tage des Sieges unserer Souverä

Langtext

ZUM 50. JAHRESTAG DES UNGARN-AUFSTANDS.
Historische Darstellung, politische Bewertung und persönlicher Erlebnisbericht.
Der Publizist Paul Lendvai floh 1956 nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands aus seiner Heimat. 50 Jahre später blickt er zurück und erkennt die ungarische Tragödie als Ausgangspunkt für die spätere Befreiung Osteuropas.
"Der Vater wurde geohrfeigt wie ein Kind, geprügelt wie ein Pferd; in ihrer Not schlugen sie ihn auf die Nieren, dann systematisch auf den Körper." Fast 50 Jahre nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands entdeckte der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy, dass sein Vater Fürst Esterházy, unter den Schlägen des Kadar-Regimes innerlich zerbrach. Auch für den renommierten Publizisten Paul Lendvai ist der ungarische Volksaufstand, den er hautnah erlebte, gegenwärtig. In seinem neuen Buch verbindet er seine persönliche Geschichte mit den historischen Hintergründen und den politischen Konsequenzen. Ausgehend von den eigenen Erlebnissen, ergänzt durch Berichte Überlebender, Aussagen in Geheimprozessen und anhand von Protokollen aus Partei und Regierung rekonstruiert Lendvai den Aufstand, der am 23. Oktober 1956 wie ein politisches Naturereignis das Land erfasste und das System von sowjetischer Fremdherrschaft und ungarischen Helfershelfern mit elementarer Kraft hinwegfegte. Er verfolgt den Weg des Aufstands bis zum Zusammenbruch, protokolliert die blutige Abrechnung mit Ministerpräsident Imre Nagy und allen Wegbereitern, den Rachefeldzug des Kadar-Regimes und die Folgen für den ungarischen "Gulaschkommunismus". Sein Fazit: Der Ungarn-Aufstand war eine historische Zäsur für das Europa des 20. Jahrhunderts. Er war die Vorhut jener Umwälzungen in Prag 1967, in Warschau 1981 und für die ungarische Grenzöffnung 1989, die zum Zusammenbruch des Ostblocks führten und das Gesicht Europas entscheidend veränderten.

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