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Cover Der begrabene Riese

Der begrabene Riese

von Kazuo Ishiguro; Übersetzt von Barbara Schaden

Erschienen 2015 bei Blessing
Sprache: Deutsch
416 Seiten
ISBN 978-3-641-15326-7

Kurztext / Annotation

Der lang erwartete neue Roman des britischen Bestsellerautors
Britannien im 5. Jahrhundert: Nach erbitterten Kriegen zwischen den Volksstämmen der Briten und Angelsachsen ist das Land verwüstet. Axl und Beatrice sind seit vielen Jahren ein Paar. In ihrem Dorf gelten sie als Außenseiter, und man gibt ihnen deutlich zu verstehen, dass sie eine Belastung für die Gemeinschaft sind. Also verlassen sie ihre Heimat in der Hoffnung, ihren Sohn zu finden, den sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen haben. Ihre Reise ist voller überraschender Begegnungen und Gefahren, und bald ahnen sie, dass in ihrem Land eine Veränderung heraufzieht, die alles aus dem Gleichgewicht bringen wird, sogar ihre Beziehung.
Ein gewaltiger, intensiver, spannender Roman, der uns mitnimmt auf eine so tiefgründige wie faszinierende Reise. Kazuo Ishiguros unprätentiöser und zugleich betörender Realismus macht ihn zu einem feinsinnigen Meister des Erzählens.

Kazuo Ishiguro, 1954 in Nagasaki geboren, kam 1960 nach London, wo er später Englisch und Philosophie studierte. 1989 erhielt er für seinen Weltbestseller "Was vom Tage übrigblieb", der von James Ivory verfilmt wurde, den Booker Prize. Kazuo Ishiguros Werk wurde bisher in 50 Sprachen übersetzt. Er erhielt 2017 den Nobelpreis für Literatur. Der Autor lebt in London.

Textauszug


1. KAPITEL

N ach den kurvenreichen Sträßchen und beschaulichen Wiesen, für die England später berühmt wurde, hättet ihr lange gesucht. Gefunden hättet ihr stattdessen endlose Wei ten, ödes, unbestelltes Land; hier und dort einen Saumpfad über felsiges Bergland, durch karges Moor. Die von den Römern zurückgelassenen Straßen waren bis dahin meist schon geborsten oder überwuchert, oft von der Wildnis zurückerobert. Über Flüssen und Sumpf hing ein eisiger Nebel, was den Menschenfressern, die es damals noch gab, nur allzu gelegen kam. Die dort lebenden Menschen - man fragt sich, welche Verzweiflung sie dazu getrieben hatte, sich in derart trübsinnigen Gegenden niederzulassen - mochten sich wohl gefürchtet haben vor diesen Geschöpfen, die man, lang bevor ihre Missgestalt aus dem Nebel auftauchte, an ihrem rasselnden Atem erkennen konnte. Aber nicht diese Wesen waren es, die Anlass zur Verwunderung gaben. Für die Menschen damals waren sie alltägliche Gefahren; es gab doch so viel anderes, worum man sich Gedanken machen musste. Wie man dem harten Boden Nahrung abtrotzte, was zu tun war, damit einem das Brennholz nicht ausging; wie man die Krankheit besiegte, der an einem einzigen Tag ein Dutzend Schweine zum Opfer fielen und die auf den Wangen der Kinder grünen Ausschlag hervorrief.

Die Menschenfresser waren jedenfalls nicht so schlimm, solange man sie nicht provozierte. Man musste damit leben, dass hin und wieder ein solches Wesen, vielleicht nach einem undurchsichtigen Streit in der Sippe, in wildem Zorn ins Dorf gestapft kam, trotz allem Gebrüll und Waffengerassel dort her umtobte und schrie und jeden verletzte, der nicht schnell genug das Weite suchte. Oder dass gelegentlich einer ein Kind raubte und mit ihm im Nebel verschwand. Solchen Untaten begegnete man damals möglichst mit philosophischem Gleichmut.

In einer dieser Siedlungen, die im Schatten zerklüfteter Felsen, am Rand eines ausgedehnten Sumpfgebiets lag, lebte ein älteres Paar, Axl und Beatrice. Es mochten nicht genau oder nicht ihre vollständigen Namen sein, doch der Einfachheit halber wollen wir sie so nennen. Ich würde sagen, dass dieses Paar ein zurückgezogenes Leben führte, aber "zurückgezogen" in einem heutigen Sinn war damals kaum jemand. Wärme und Schutz suchte die Landbevölkerung in Behausungen, die teils tief in den Hügel gegraben und durch unterirdische Gänge und gedeckte Gräben miteinander verbunden waren. Unser älteres Paar lebte mit rund sechzig weiteren Bewohnern in einem solchen Bau - "Gebäude" wäre ein zu großes Wort dafür. Wärt ihr, aus diesem Bau kommend, zwanzig Minuten rund um den Hügel gewandert, so wärt ihr zur nächsten Siedlung gelangt und hättet sie als der ersten völlig gleich empfunden. Ihre Bewohner jedoch hätten zahlreiche Unterschiede wahrgenommen, Kleinigkeiten, die ihnen Anlass zu Stolz oder Scham gegeben hätten.

Es ist nicht meine Absicht, euch den Eindruck zu vermit teln, dass das Britannien jener Tage nicht mehr zu bieten hatte; dass wir hierzulande kaum die Eisenzeit überwunden hatten, während in anderen Teilen der Welt große Kulturen erblühten. Durchaus nicht: Hättet ihr die Möglichkeit gehabt, nach Belieben durchs Land zu streifen, so hättet ihr Burgen entdeckt, in denen es Musik, gutes Essen, herausragende Athleten gab; oder Klöster, deren Bewohner ins Studium vertieft waren. Aber es hilft nichts: Selbst auf einem starken Pferd und bei gutem Wetter hättet ihr tagelang reiten können, ohne dass ihr im grünen Urwald eine Burg, ein Kloster erspäht hättet. Gefunden hättet ihr vor allem Gemeinschaften wie die oben beschriebene, und wärt ihr nicht mit Nahrung oder Kleidung als Geschenken gekommen oder bewaffnet bis an die Zähne, so wärt ihr wohl nicht empfangen worden. Es tut mir leid, dass ich kein hübscheres Bild von unserem Land, wie es damals war, zeichnen kann,

Beschreibung für Leser

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