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Cover Der Maler der fließenden Welt

Der Maler der fließenden Welt

Roman

von Kazuo Ishiguro; Übersetzt von Hartmut Zahn

Erschienen 2016 bei Heyne
Sprache: Deutsch
272 Seiten
ISBN 978-3-641-20213-2

Kurztext / Annotation

In den dreißiger Jahren hat der Maler Masuji Ono seine Kunst in den Dienst der japanischen Expansionspolitik gestellt. Jetzt, nach dem Krieg, ist sein damaliger Hurrapatriotismus anrüchig geworden, und als seine Tochter heiraten will, wird seine politische Vergangenheit zur Belastung für die Familie. Seine Lebensbeichte offenbart ein heilloses Geflecht von Schuld und Irrtum und ist ein Läuterungsprozess, nach dem er nicht mehr derselbe sein wird wie zuvor. Kazuo Ishiguros eindringlicher, meisterhaft erzählter Roman über einen Künstler, der mit seiner Vergangenheit ringt, lässt das vom Krieg zerrüttete Japan der Nachkriegszeit wieder aufleben, ein Land im Umbruch, in dem verschiedene Lebensweisen um die Vorherrschaft kämpfen und ein Volk zwischen Tradition und Moderne nach einem neuen Lebenssinn sucht.

Kazuo Ishiguro, 1954 in Nagasaki geboren, kam 1960 nach London, wo er später Englisch und Philosophie studierte. 1989 erhielt er für seinen Weltbestseller "Was vom Tage übrigblieb", der von James Ivory verfilmt wurde, den Booker Prize. Kazuo Ishiguros Werk wurde bisher in 28 Sprachen übersetzt. Er erhielt 2017 den Nobelpreis für Literatur. Der Autor lebt in London.

Textauszug


APRIL 1949

A n drei oder vier Abenden in der Woche geh e ich wie gewohnt den Weg zum Fluss hinab und zu der kleinen Holzbrücke, welche von einigen Leuten, die schon vor dem Krieg hier lebten, immer noch "Brücke des Zauderns" genannt wird. Wir gaben ihr einst diesen Namen, weil man sie bis vor ein paar Jahren überqueren musste, um in unser Vergnügungsviertel zu gelangen, und weil auf ihr - so hieß es jedenfalls - immer wieder der eine oder andere Ehemann ein Weilchen unschlüssig verharrte, hin- und hergerissen zwischen der Aussicht auf einen lustigen Abend und der Pflicht, zu seiner Frau heimzukehren. Wenn man mich heutzutage bisweilen nachdenklich am Geländer lehnen sieht, so heißt dies nicht, dass ich ebenfalls unentschlossen bin. Nein, es bedeutet lediglich, dass ich dort gern bei Sonnenuntergang stehe und den Blick über die sich stetig verändernde Umgebung schweifen lasse.

Neue Häusergruppen sind am Fuß des Hügels entstanden, den ich vor einem Weilchen hinuntergegangen bin. Und ein Stück weiter unten in der Flussaue, wo es vor einem Jahr nur Gras und Schlamm gab, zieht ein städtisches Bauunternehmen Appartementblocks für künftige Angestellte hoch. Diese Gebäude sind allerdings noch weit von der Fertigstellung entfernt, und wenn die Sonne tief über dem Fluss hängt, könnte man sie sogar mit den ausgebombten Ruinen verwechseln, die man nach wie vor in gewissen Teilen der Stadt findet.

Aber solche Ruinen werden mit jeder Woche seltener. Wahrscheinlich müsste man jetzt schon ziemlich weit nach Norden fahren, bis in den Wakamiya-Bezirk, oder in die arg mitgenommene Gegend zwischen Honcho und Kasugamachi, um noch viele Ruinen zu sehen. Dabei kann ich versichern, dass noch vor einem Jahr ausgebombte Häuser überall in dieser Stadt ein alltäglicher Anblick waren. Die Gegend auf der anderen Seite der Brücke des Zauderns, beispiels weise also unser ehemaliges Vergnügungsviertel, war vor einem Jahr nichts als eine Trümmerwüste. Jetzt jedoch geht dort die Arbeit Tag für Tag stetig voran. Ganz in der Nähe von Frau Kawakamis Lokal, wo sich einst Vergnügungssüchtige in Scharen drängten, wird derzeit eine breite Betonstraße gebaut, und auf beiden Seiten werden in langer Reihe Fundamente für große Bürogebäude gelegt.

Als Frau Kawakami mir eines Abends vor nicht allzu langer Zeit mitteilte, die Baufirma habe ihr für ihr Haus ein großzügiges Kaufangebot gemacht, hatte ich mich vermutlich schon längst mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass sie früher oder später aufgeben und wegziehen würde.

"Ich weiß nicht, was ich tun soll", hatte sie zu mir gesagt. "Es wäre schrecklich, nach all der Zeit von hier fortzugehen. Die ganze Nacht habe ich wachgelegen und darüber nachgedacht. Ich sagte mir: 'Jetzt, wo Shintaro-san nicht mehr da ist, bleibt nur noch Sensei als einziger verlässlicher Stammkunde.' Wirklich, ich weiß nicht, was ich tun soll."

Ich bin jetzt tatsächlich ihr einziger Stammgast. Shintaro hat sich seit dem kleinen Zwischenfall im letzten Winter nicht mehr bei Frau Kawakami blicken lassen. Zweifellos fehlt ihm der Mut, mir von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten. Das ist schlimm für Frau Kawakami, nehme ich an, zumal sie mit der ganzen Sache nichts zu tun hatte.

An einem Winterabend, als wir wie gewöhnlich beisammensaßen und tranken, hatte mir Shintaro zum ersten Mal erzählt, dass er sich bemühte, an einer der neuen Schulen einen Posten als Lehrer zu bekommen. Er ließ mich sogar wissen, dass er bereits mehrere Bewerbungen eingereicht hatte. Natürlich sind inzwischen viele Jahre vergangen, seit Shintaro mein Schüler war, und es gibt keinen Grund, warum er sich, ohne mich um Rat zu bitten, nicht selbst um solche Belange hätte kümmern sollen. Mir war absolut klar, dass es mittlerweile andere Personen gab, beispielsweise seinen Arbeitgeber, d

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