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Cover Die große Straße

Die große Straße

Reiseaufzeichnungen

Erschienen 2019 bei Residenz Verlag
Sprache: Deutsch
256 Seiten
ISBN 978-3-7017-4620-0

Kurztext / Annotation

Peter Rosei ist immer in Bewegung gewesen, geleitet von einer unerschöpflichen Neugierde auf Landschaften und Städte, auf Menschen und ihre Geschichten. 'Die große Straße' versammelt erstmals seine Aufzeichnungen aus fünf Jahrzehnten und drei Kontinenten. Wir lernen Peter Rosei als Reisenden kennen, der nicht nur scharf beobachtet und viel weiß, sondern sich auch durchlässig macht für Eindrücke und Bilder, für Gerüche und Klänge, der sich dem Fremden geduldig annähert und ihm dennoch seine Faszination belässt. Von Peking nach Los Alamos, von Seoul nach Kiew, von Paris über Bratislava nach Texas und Istanbul führt uns dieses wunderbar labyrinthische Buch, das erfüllt ist von der Dankbarkeit des Autors für die Buntheit der Welt und die Vielfalt des menschlichen (Über)lebens.

Peter Rosei, geboren 1946 in Wien. 1968 promovierte er zum Doktor der Rechtswissenschaften. Seit 1972 lebt er als freier Schriftsteller in Wien und auf Reisen. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a. Franz-Kafka-Preis 1993, Anton-Wildgans-Preis 1999, Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 2007 und Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich 2016. Zuletzt erschienen: 'Das große Töten' (2009), 'Geld!' (2011), 'Madame Stern' (2013), 'Die Globalisten' (2014), 'Wien Metropolis' (Neuauflage 2016), 'Die Wiener Dateien' (5 Bande im Schuber, 2016), 'Karst' (2018), 'Die große Straße' (2019)

Textauszug

China zu verstehen (2012)

Ironischer-, aber vielleicht auch passenderweise habe ich während meiner dreiwöchigen Reise das alte, das ewige, das ländliche China nur zwei Mal zu Gesicht bekommen, einmal durch das Fenster eines Hochgeschwindigkeitszuges von Chengdu nach Chongqing, das zweite Mal aus dem Fenster eines Flugzeuges von Xi'an nach Beijing: tiefgrün und feucht das Land im Süden, regelrecht prangend, eher trocken, braun und von einer Art Sparsamkeit geprägt im Norden. Sehr gebirgig alles. (Eine dieser Seltsamkeiten: China hab' ich mir immer als große Ebene vorgestellt.) Wie ein Garten das Land, so weit man schauen kann, fein unterteilt in nahtlos aneinandergefügte Felder und Beete, das Gelände terrassiert und gegliedert, wo immer es notwendig ist, bis in höchste Höhen hinauf: So entsteht der Eindruck einer zweiten Natur, die sich die erste und gegebene vollkommen anverwandelt hat.

Stellen Sie sich etwa hundert Meter hohe Gebäude vor, dreißig, vierzig Stockwerke hoch, keine Türme allerdings, sondern zwei-, dreihundert Meter breit und wallartig aufragend. Platzieren Sie diese Blöcke, voneinander getrennt jeweils durch Grünflächen, auf ebenem Terrain, so weit die Sicht reicht. Sind Sie am Horizont angekommen, stellen Sie weitere Gebäude derselben Art wieder bis zum Horizont auf und immer so fort. Gliedern Sie das so entstandene Revier durch sechsbahnige Straßen, flankiert von Nebenfahrbahnen, legen Sie einen Schachbrettraster an. Komplettieren Sie das Ganze mit Hochbahnen oder zusätzlichen Autobahnen auf Stelzen: Interchanges, Thruway, Expressway, Highway - Straßen, die zwischen den Blocks gleichsam in die Unendlichkeit führen.

Baudrillard hat Los Angeles als die horizontale Stadt schlechthin beschrieben. Es stimmt schon: Schaut man von den Hills gegen Süden, dehnt sich die Stadt, dehnt und dehnt sich aus, in ihrer Hauptmasse, Downtown abgerechnet, besteht sie aus ein- oder zweistöckigen Häusern. Wer kennt nicht das Bild des nächtlichen Los Angeles, wenn die Boulevards wie Perlenschnüre in der Finsternis glitzern, die Vergnügungsmeilen wie giftig entzündete Herde schillernd sich abheben.

In der chinesischen Metropole ist der urbane Traum zu Ende gedacht: Gleichsam ohne Anfang und Ende, gleichförmig - manche nennen es gesichtslos - und auffällig un fremd präsentiert sich die Stadt, da und dort zu Einkaufsmeilen oder Geschäftsclustern verdichtet: Otto Wagner mit seinen Plänen für die endlose Großstadt hätte hier seine Freude.

Gleich am ersten Abend in Shanghai werfe ich mich ins Getümmel, unter einer Hochbahn durch, an den Straßen entlang Stände, wo ausgekocht wird, Fleischspieße, Omeletten, Suppendunst, in halber Dunkelheit, schwankende Lampen, diesig dunkle, smoggesättigte Luft, der Verkehr tobt, die Passanten kaufen von am Boden ausgebreiteten Planen Zwiebeln oder Lauch, direkt vom Bauern, an den Gehsteigrändern, im Schatten der Wohntürme, möchte ich sagen, sitzen Männer beim Schach, beim Mah-Jongg, oder sie spielen Karten, geradeso, als wäre da ein beschaulicher Dorfplatz und nicht die wild dahintosende Stadt.

New York wirkt im Vergleich dazu wie Historyland, eine Art gepflegter Puppenküche, Chicago wie ein stromlinienförmiges, blankpoliertes Maschinenteil, Detroit wie ein verwahrloster Schrebergarten - und Wien? Das lässt sich eben nicht sagen.

Die chinesische Metropole ist inkommensurabel. Mit europäischen Verhältnissen hat das nichts gemeinsam. Keine Referenzgrößen. Du musst dir eine neue Sprache erfinden, willst du das in den Griff bekommen. Der Umschlag von der Quantität in die Qualität, hier wird er vorgeführt: Macht eine Million Menschen das Gleiche wie, sagen wir, hunderttausend, wird etwas ganz anderes daraus.

Alle Städte, die ich in China besuchte, haben zumindest so viele Einwohner wie ganz Österreich insgesa

Beschreibung für Leser

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