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Cover Hier in Berlin, wo ich wohne

Hier in Berlin, wo ich wohne

Texte 1946-1991

Erschienen 2014 bei Haymon Verlag
Sprache: Deutsch
248 Seiten
ISBN 978-3-7099-3573-6

Kurztext / Annotation

In sprachlich einzigartigen Betrachtungen schildert einer der großen Autoren der deutschsprachigen Moderne seine Wahlheimat. Der Südtiroler Franz Tumler verbrachte die zweite Hälfte seines Lebens in Berlin. Dort teilte er den Kneipentisch mit Gottfried Benn, kam später mit Autoren wie Uwe Johnson, Günter Grass oder Peter Härtling zusammen. Seine Werke standen in einer Reihe mit den ihren. Dieser Band versammelt Essays, Erzählungen, Reportagen und Gedichte von Franz Tumler, die Berlin zum Thema haben, darunter auch unveröffentlichte Texte und Skizzen. Seine Themen sind vielfältig: von Zeit- und Alltagsgeschichte im geteilten Deutschland über das literarische Leben in Berlin bis zu Tumlers schriftstellerischer Wende hin zur erzählerischen Moderne, die für seine großen Romane stilbildend ist. In seinen Berliner Texten zeigt Franz Tumler im Kleinen, was seine Romane für Publikum und Kritik beispiellos gemacht hat - schlicht das Leben in ebenso kunstvoller wie sinnlicher Sprache.

Franz Tumler, geboren 1912 in Gries bei Bozen/Südtirol, übersiedelte 1913 mit seiner Mutter nach Linz und lebte ab Mitte der 1950er Jahre in Berlin, wo er 1998 starb. Tumler zählt zu den prägenden Gestalten der literarischen Moderne der 1950er und 1960er Jahre. Als Direktor der Sektion Literatur in der Akademie der Künste war er ein wichtiger Protagonist des literarischen Lebens in Berlin. Seine Romane und Erzählungen wurden vielfach ausgezeichnet und gelten bis heute als Marksteine moderner Erzählliteratur, u.a. Der Mantel (1959), Volterra. Wie entsteht Prosa (1961, HAYMONtb 2011) sowie die Romane Nachprüfung eines Abschieds (1961, Haymon 2012), Aufschreibung aus Trient (1965, Haymon 2012) und Der Schritt hinüber (1956, Haymon 2013).

Textauszug

Die Zeit der Einsicht

1946, veröffentlicht 1952

Das Dasein, in dem keine Richtung und Entwicklung entschieden vorgreift, dauert schon sehr lange. Ich glaube, es wird noch länger dauern. Ich glaube, daß es sehr wichtig ist, wie einer die Zeit äußeren Stillstandes, diese Zeit des Aufenthaltes in einem Niemandsland gewissermaßen, nützt. Ich möchte sie benützen um Einsichten zu gewinnen weniger mit dem Verstand als mit dem ganzen Trachten meiner Person. Ich sage mir: in dem inneren Stand, in den ich mich jetzt bringe, werde ich später auf lange Zeit hin endgültig sein. Schon der Krieg war für mich eine solche Zeit der Einsicht, und nichts hätte sie mir mehr fördern können als die Abgeschiedenheit des Lebens damals; ich habe sie aufgesucht und mich zu ihr hingenötigt. Dann kam die andere Zeit; ich muß sie nochmals als einen Umstand wahrnehmen, der mich genauer das werden läßt, was ich werden soll. Zuweilen denke ich: je näher ich dem Nichts komme, umso unabhängiger und furchtloser kann ich sein. Manchmal aber fliegt mich eine Ahnung an, als wäre die Entschlossenheit zum Nichts heute schon eine veraltete Erscheinung, die noch fortgeistert in der Welt, während der wahre Ort des Menschen an anderem Punkte gegründet wird. Dann sage ich mir, ich dürfte den äußeren Dingen nicht zuviel Einfluß auf den inneren Kern der Person gestatten. Dies aber ist eine täglich zu leistende Arbeit und ist eine Frage der Gesundheit und Geduld im weitesten Sinne. Eine Handlung traue ich mir heute zu, wenn sie auf ein tägliches nahes Bedürfnis gerichtet ist. Wenn ich ein Ding, das außerhalb dieses Kreises liegt, betrachte, werde ich unsicher, gar, wenn ich Handlungen sehe, die aufs allgemeine gerichtet sind. Einer Macht, die im allgemeinen wirkt, mich anzuvertrauen, bin ich nicht fähig, weil ich sie nicht durchschauen kann wie mich selber.

Dies ist ein sehr schmaler Grund, auf dem ich stehe. Ich will versuchen, ihn mir im einzelnen Satz für Satz vorzustellen.

Das Dasein, sagte ich, in dem keine Richtung und Entwicklung vorgreift, dauert schon sehr lange, es wird noch länger dauern.

Ich sehe nicht, daß die zusammengeschlagene Welt wieder aufgebaut wird. Zwar strenge ich mich wie jedermann an, daß ich mich in dem Vorhandenen notdürftig einrichte, aber über das Dringende hinaus eine Einrichtung auf Dauer zu berechnen, dafür bringe ich die Zuversicht nicht auf, weil ich sehe, daß die Zeit einer solchen Absicht entgegen ist. Ich bin geneigt, diesen Zug der Zeit für ein Streben nach Umbau zu halten; eher ist mir davon gewiß, daß dieser Umbau noch einmal für jeden Zerstörung und Abbruch bedeuten kann.

Merkwürdig ist das Verhalten des einzelnen Menschen in dieser Lage. Er hat zwar genug von den überstandenen Schrecken und möchte Ruhe haben. Aber er weiß, daß es Ruhe nicht geben wird, und richtet sich darauf ein, neuen Schrecknissen zu begegnen. Er tut es ohne Widerstand und ohne zu zögern und auch ohne genau zu fragen, von wem die fortwährende Unruhe ausgeht, wo doch jeder nur die Ruhe wünscht.

In diesem Verhalten, scheint mir, beweist der einzelne Mensch, daß er die Art des Vorgangs richtig einschätzt; er schreibt ihn einem unablenkbaren Wettlauf zu.

Hier muß ich eine Anschauung anführen, die sich in mir über diese Dinge gebildet hat.

Ich sehe nicht, daß irgendwo Halt gemacht wird in einem Sinne, der das Wenige an Leben, das heil geblieben ist, schützt und bei diesem Wenigen anfängt. Im Gegenteil sehe ich, daß seit langem bestimmte E

Beschreibung für Leser

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Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Franz Tumler, geboren 1912 in Gries bei Bozen/Südtirol, lebte in Linz und später in Berlin, wo er 1998 starb. Tumler zählt zu den prägenden Autoren der 1950er und 1960er Jahre. Seine Romane und Erzählungen wurden vielfach ausgezeichnet und gelten als Marksteine moderner Literatur.

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