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Cover Gesammelte Werke

Gesammelte Werke

Der Richtsaal. Scheinbare Nähe. Standhalten

Erschienen 2018 bei Haymon Verlag
Sprache: Deutsch
416 Seiten
ISBN 978-3-7099-3830-0

Kurztext / Annotation

Eine Wiederentdeckung: beklemmende Anti-Heimatliteratur von Gerold Foidl
Gerold Foidl wurde 1938 in Lienz/Osttirol geboren, wo er aufwuchs. Der spätere Schriftsteller durchlebte eine schwierige Kindheit, litt an epileptischen Anfällen, wurde deshalb psychiatrisch behandelt. Er arbeitete lange Zeit in Zollämtern in ganz Österreich, lebte danach als freier Autor in Salzburg. Sein bewegtes Leben verarbeitete Foidl in seinen Büchern - jedoch sind bis heute Teile seiner Biographie, beispielsweise ein angeblicher Selbstmordversuch 1962, nicht eindeutig belegt. So verschwimmt die Grenze zwischen den tatsächlichen Begebenheiten, der Rekonstruktion aus seinen Texten und der Legendenbildung rund um seine Person. 1980 erhielt Foidl die Diagnose Lungenkrebs, er verstarb 1982 in Salzburg.

Posthume Veröffentlichung durch Peter Handke
Zwei Romane hat Foidl verfasst, sie erzählen von Schwermut, Zwiespältigkeit und Gefangensein. 'Der Richtsaal', sein erster Roman, der zu seinen Lebzeiten erschien, ist die gnadenlose Abrechnung eines jungen Mannes mit einer freudlosen Kindheit. 'Scheinbare Nähe' hingegen wurde posthum veröffentlicht. Kein Geringerer als Peter Handke verarbeitete die vier erhaltenen unabgeschlossenen Fassungen zu jener Ausgabe, die 1985 bei Suhrkamp publiziert wurde. Ein Roman über die aussichtslose Lage angesichts der unheilbaren Krankheit des Protagonisten. Darüber hinaus schrieb Gerold Foidl mehrere kürzere Prosatexte, die vormals unter dem Titel 'Standhalten' erschienen sind.

Foidls gesammelte Werke erstmals in einem Band
Mit dieser Ausgabe erscheint erstmalig ein Band, der alle Werke Foidls vereint und wieder greifbar macht. Der Publizist, Schriftsteller und Essayist Karl-Markus Gauß steuert als Kenner von Foidls Werk ein Vorwort bei. Die Nachworte zu den einzelnen Werken stammen von der Autorin und Herausgeberin Dorothea Macheiner, Wegbegleiterin und Nachlassverwalterin Foidls.

Gerold Foidl wurde 1938 in Lienz/Osttirol geboren. Er arbeitete lange Zeit in Zollämtern in ganz Österreich, u.a. gemeinsam mit Felix Mitterer, bevor er sich als freier Autor in Salzburg niederließ. Teile seiner Biographie, wie ein angeblicher Selbstmordversuch 1962, sind bis heute unbelegt, was zur Mythenbildung rund um seine Person beiträgt. 1980 erhielt Foidl die Diagnose Lungenkrebs, er verstarb 1982 in Salzburg.

Textauszug

Mama und Großvater gaben mir als einzige das Gefühl, voll akzeptiert zu werden. Die Chance, ohne Rücksicht auf mein Alter das zu sagen, was ich mir dachte. Die anderen sagten, wenn ich mich mit zehn, zwölf Jahren an einem Gespräch beteiligen wollte: "Gid, dazu bist du noch zu klein!" oder "Sei nicht so vorlaut und red nicht von Dingen, von denen du nichts verstehst!" Du mußt also zuerst etwas verstehen, dachte ich mir, wühlte mich durch alle Bücher, derer ich habhaft werden konnte, und stieg neuerlich in den Familienring. Entschlossen, mir nun von keinem mehr das Wort entziehen zu lassen.

Es war ein gutes Gefühl, Dinge bis in letzte Einzelheiten zu wissen. Ein Gefühl der Überlegenheit und Macht, das kaum den Zeitpunkt erwarten konnte, sich bestätigt zu finden. Hand in Hand mit ihm ging meine Hoffnung auf Lob und Anerkennung. Als Zeichen dafür, daß man nun in eine höhere Kategorie gehörte. Bei jeder Unterhaltung lauerte zudem auch die Schadenfreude, wenn ich entdeckte, daß die anderen nur ein Halbwissen besaßen und ihr Erwachsenenprestige nach dem Motto "unter Blinden ist der Einäugige König" verteidigten. Ich wollte alles vollkommen wissen, um so den Erwachsenen überlegen zu sein, um damit auszugleichen, was sie an meinem Benehmen, meiner Faulheit und Respektlosigkeit herumzunörgeln hatten. Kommt, ich bin gerüstet! sagte ich mir voll vermeintlicher Überlegenheit. Doch mußte ich bald erkennen, daß Wissen allein kein Allheilmittel ist, um mit Erwachsenen fertig zu werden. Das war eine bittere Erfahrung, die mich vorübergehend zurückwarf und eine Zeitlang ziemlich bedrückte.

Doch ich brachte sie immer wieder in Situationen, in denen sie mit mir nicht ohne Gesichtsverlust fertig wurden. Dann begannen sie zu brüllen, zu schimpfen, zurechtzuweisen und sich hinter ihrem Alter zu verschanzen. Ohne zu kapieren, daß sie damit das letzte Quentchen Respekt und Autorität verspielten. Sie machten es sich denkbar einfach und bezeichneten mich als Lügner, Phantasten oder Unwissenden. Es tat sehr weh, wenn sie behaupteten, ich würde nichts als große Worte machen. Mit Sanftmut erreichte man bei denen nichts.

Großvater ließ sich überhaupt ungern auf Diskussionen ein. Er ist ein einfacher, korrekter Mann, der mehr auf Hausverstand als auf Allgemeinwissen baut und sich im übrigen um all die Obergescheiten denkbar wenig kümmert.

Mama hingegen machte mir in jedem Fall die Mauer und wurde daher ebenso angegriffen. Wie oft hielten sie ihr vor, sie habe an mir einen Narren gefressen.

Wenn sie hinter ihrem Rücken über sie herzogen, war es ihnen ziemlich gleichgültig, ob ich anwesend war oder nicht. Sie waren jedesmal unangenehm berührt, wenn einer seine Erinnerung bemühte und ihnen ihre Doppelbödigkeit unter die Nase rieb. Deshalb sagte ich mir: Wenn du mit denen fertig werden willst, mußt du sie lächerlich machen. Rücksichtslos, ohne Pardon. Wie übergescheit sie sich bei unseren Familienzusammenkünften immer aufspielten! Da wußte einer mehr als der andere. Wenn ich später daran dachte, erinnerte es mich sehr an das Blabla von Stammtischrednern.

Die alte Frau sah kopfschüttelnd über den Tisch. Der Ausdruck ehrlicher Anteilnahme, den ich vorher in ihrem Gesicht zu entdecken geglaubt hatte, war einem bitteren, enttäuschten Lächeln gewichen. Mit wehmütigem Blick saß sie da, als würden ihr gleich Tränen über die Wangen kollern. Es sah sehr überzeugend und glaubwürdig aus, doch diesen Gesichtsausdruck kannte ich von früher her zu gut, um darauf hereinzufallen.

Es scheint ihr nicht aufgefallen zu sein, daß mich ihre widerliche Theaterspielerei aus meiner körperlichen und geistigen Müdigkeit wachgerüttelt hat. Sie hat mir die ungeklärten Zweifel vieler Fragen beantwortet. Ich sehe nun, wie hinter dieser mit Gefühlen spekulierenden Maske das Denken seine Arbeit verrichtet, ohne sein Ziel jemals aus den Augen zu verlieren.

"Gid, sag endlich etwas", sagte sie leise, mit

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