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Cover Mendelssohn auf dem Dach

Mendelssohn auf dem Dach

von Jiri Weil; Übersetzt von: Eckhard Thiele

Erschienen 2019 bei Verlag Klaus Wagenbach
Sprache: Deutsch
288 Seiten
ISBN 978-3-8031-4248-1

Kurztext / Annotation

Der große vergessene Roman über die albtraumhafte Besatzung Prags durch die Deutschen - geschrieben von einem der wichtigsten tschechischen Autoren des 20. Jahrhunderts:

Heydrich tobt. Gerade erst hat der 'Reichsprotektor von Böhmen und Mähren' das ehrwürdige Konzerthaus Rudolfinum zum 'Haus der deutschen Kunst' umwidmen lassen, da entdeckt er unter den Komponistenstatuen auf dem Dach einen Juden: Mendelssohn-Bartholdy.

Der SS-Anwärter Julius Schlesinger erhält den Befehl, sich um dessen Beseitigung zu kümmern. Aber das ist schwieriger als gedacht. Denn erstens ist er nicht schwindelfrei und will nicht aufs Dach. Und zweitens finden die beiden mitgebrachten Tschechen, Be?vá? und Stankovský, nicht heraus, wer der Fragliche ist - denn die Statuen tragen keine Namen.

Da hat Schlesinger eine Idee: Eben erst hat er gelernt, dass Juden die größten Nasen hätten. Zufrieden glaubt er seine Aufgabe erfüllt zu haben, als er die beiden wieder losschickt - zu Richard Wagner.

Was so komisch beginnt, wird im Laufe des Buchs ein großes, immer dunkleres und beklemmenderes Bild Prags und seiner Bewohner unter der deutschen Besatzung. Ji?í Weil erzählt von der Verfolgung und Deportation der Juden, dem Wüten von SS, Gestapo und Wehrmacht, von Kollaboration und Bereicherung, aber auch von Widerstand und dem Attentat auf Heydrich. Je größer die Hoffnung auf ein Ende wird, desto mehr verengt sie sich zur Aussichtslosigkeit.

Ji?í Weil, geboren als Sohn eines jüdischen Rahmenmachers im böhmischen Praskolesy, studierte und promovierte an der Karls-Universität in Prag. Vom Kommunismus begeistert, ging er 1933 nach Moskau, um dort als Journalist und Übersetzer marxistischer Literatur zu arbeiten. Nach dem Ausschluss aus der Partei und der Deportation nach Mittelasien im Zuge der ersten stalinistischen Säuberungen kehrte Weil 1935 nach Prag zurück. Als 1939 die sogenannte Resttschechei von den Nationalsozialisten besetzt wurde, konnte er der Verfolgung nur durch einen vorgetäuschten Selbstmord entgehen. In der Nachkriegszeit war Weil Mitarbeiter am Jüdischen Museum in Prag. Er arbeitete zudem als Redakteur und Autor, war in seiner schriftstellerischen Tätigkeit durch ein siebenjähriges Publikationsverbot jedoch stark eingeschränkt. Ji?í Weil wurde 1956 rehabilitiert, starb aber bereits drei Jahre später an Leukämie. Heute gilt er als Klassiker der neueren tschechischen Literatur. Die stalinistischen Säuberungen und den nationalsozialistischen Terror hat Weil in Romanen wie 'Moskau - Die Grenze' (1937) oder 'Leben mit dem Stern' (1949) eindrucksvoll verarbeitet.
Der Übersetzer Eckhard Thiele (1944?-2018) lernte nach einer Polioerkrankung während einer Kur im Riesengebirge Tschechisch. Er studierte im Fernstudium an der Universität Leipzig Slawistik und promovierte nach dem Mauerfall an der TU Berlin über 'Literatur nach Stalins Tod'. Der Mitherausgeber einer 33-bändigen tschechischen Bibliothek war ein wichtiger Förderer tschechischer Literatur in Deutschland.

Textauszug

2

Die Ouvertüre zu "Don Giovanni" war verklungen. Im Saal brauste der Beifall. Die Musik war nicht gerade nach seinem Geschmack, Mozart war zu süß, zu fein, zu beruhigend. Doch Mozart gehörte zu Prag, und mit keiner anderen Musik konnte man im Rudolfinum beginnen. Mozarts Musik war zum ersten Mal in dieser Stadt erklungen, als sie noch im österreichischen Sumpf schlief, jetzt schlief sie auch, jedoch den Schlaf einer Leiche unterm Fuß des Siegers. Eines Tages aber würde sie als deutsche Stadt erwachen, und dann würde auch hier andere Musik erklingen. In seiner Jugend in Halle hatte er Mozart geliebt. Damals hatten sie ihn zu Hause im Quartett gespielt, und ihm war es beschieden gewesen, die zweite Geige zu spielen. Die zweite Geige, das würde nie mehr vorkommen, er runzelte die Stirn. "Don Giovanni" war auch Vaters Lieblingsoper gewesen, von Kind an hatte er ihn dorthin mitgenommen; die Statue des Komturs rächt ein Verbrechen, wie lächerlich das war, wie dumm das klang, wenn ganze Ströme von Blut flossen, nicht nur Blut unterworfener Untermenschen, sondern auch der Besten, reines deutsches Blut. Man würde noch sehen, von wem das meiste Blut flösse. Die Statue des Komturs, die Unrecht ahndet, gehörte nur in die Oper.

Mozart, das war sowieso deutsche Musik, auch wenn das Freimaurertum und weiß der Teufel was darin steckte, dies war schließlich ein deutscher Konzertsaal, und allezeit würde hier deutsche Musik erklingen. Nie mehr tschechische Politikaster ihre dreckigen Mäuler aufreißen, ihm war gelungen, was sich der feige Laffe Neurath nicht getraut hatte, der, um das Ausland zu beruhigen, Protektor von Führers Gnaden geworden war und doch nur alles vermasselt hatte. Was würde er noch alles für Schweinereien ausräumen müssen, es wartete eine Menge Arbeit auf ihn. Doch es mußte gelingen, alle hatten sofort erkannt, was für ein Mann er war. Fett geworden waren sie hier im Protektoratssumpf wie die Ferkel, er würde ihnen das Laufen jetzt beibringen. Und diese Arbeit hier, die Erneuerung des "Hauses der deutschen Kunst", hatte er gut ausgeführt. So etwas hatte die gleiche Bedeutung wie Todesurteile des Standgerichts. Allerdings verstanden wenige der hiesigen Leute etwas davon. Der Führer würde bestimmt begreifen, warum dies zu den ersten Aufgaben gehörte, der Führer wußte von der Bedeutung der Kunst für das Leben des Reiches.

Er hatte es allen, die jetzt im Saal Beifall klatschten, vor Beginn des Konzerts gesagt. Am Dirigentenpult auf dem Podium war er sich zwischen den Musikern eigenartig vorgekommen, in der Uniform zwischen den Männern im Smoking. Die waren die einzigen in schwarzen Anzügen, abgesehen vom Konsularischen Korps, das mit Vorbedacht eingeladen worden war, damit es sah, wie das Reich mit dem Parlament Schluß gemacht hatte, damit es sah, wie das Reich hier im deutschen Prag nicht nur Kanonen, Panzer, Minenwerfer und Flugzeuge sprechen ließ, sondern auch Musik, deutsche Musik. Nie mehr würden in diesem Saal Kompositionen jüdischer Komponisten erklingen, nie mehr auf dem Podium ein jüdischer Dirigent stehen. Die Rasse und die Musik, das Blut und das Großdeutsche Reich, der Führer und der zum Reich zurückgekehrte Raum Böhmen und Mähren - das alles war ein heiliges, für alle Ewigkeit gültiges Symbol. Er hatte auch über den heiligen Wenzel gesprochen, über ihn mußte er sprechen, noch lebten ja Tschechen in diesem deutschen Land, sprach über den Irrsinn eines selbständigen Staates, zu etwas war der heilige Wenzel doch gut, solange der Krieg dauerte. Dann hatte er in der ersten Reihe Platz genommen, während das Publikum im Saal noch mit erhobenen Armen dastand, sich nach der Anstrengung erschöpft niedergelassen, denn es ermüdete ihn, Reden zu halten. Er mochte das Reden nicht, lieber war ihm das Rattern einer Maschinenpistole, die Maschinenpistole war die richtige deutsche Sprache, und alle unterworfenen Staaten von den Pyrenäen bis Rostow am Don verstanden sie

Beschreibung für Leser

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