Hinter den Kulissen...
von HEYN Leserunde, Miriam Brandl, 19. September 2026
Katrin Unterreiner studierte Kunstgeschichte und Geschichte an der Universität Wien und war lange Jahre wissenschaftliche Leiterin der Schloß Schönbrunn Ges.m.b.H und Kuratorin des Sisi-Museums der Wiener Hofburg. Ihre Expertise steht also außer Frage.
Ihre Bücher begeistern mich immer wieder, weil sie Geschichte lebendig darstellt, nicht offensichtliche Zusammenhänge aufzeigt und sich nicht nur auf bekannte historische Größen beschränkt, sondern Hintergründe beleuchtet und oft Personen in den Vordergrund stellt, die in den Geschichtsbüchern einfach irgendwie vergessen wurden.
In diesem äußerst interessanten Buch über den Wiener Kongress sind es unter anderem die Frauen, deren wichtige Rolle sie hervorhebt. Nein, Frauen waren nicht nur Geliebte, Kurtisanen, Gspusis oder charmanter Aufputz – sie waren gebildet, klug und informiert, berieten, bildeten Netzwerke und spielten wesentliche Rollen… und dennoch gerieten sie in Vergessenheit.
Natürlich beschreibt sie auch die erstaunlichen Probleme in der Organisation des Kongresses und die überraschenden Eigensinnigkeiten so mancher Herren und vieles mehr.
Fazit: wieder ein Buch, das historische Fakten spannend, interessant und unterhaltsam transportiert.
Also… eigentlich so wie alle ihre Bücher: lesenswert!
Rezension zu:
Ein sehr persönlicher Fall für August Emmerich
von HEYN Leserunde, Miriam Brandl, 15. September 2026
Ich gebe es gerne zu: ich bin ein Fan dieser Serie:
Kommissar August Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter sind mir im Laufe der mittlerweile bereits sieben Bände wirklich ans Herz gewachsen. Die beiden sind völlig unterschiedliche Charaktere, aber sie ergänzen sich perfekt. Ihre Ermittlungen sind unkonventionell, manchmal am Rande der Legalität, aber immer mit hohem persönlichen Einsatz. Jeder einzelne Fall ist spannend und logisch aufgebaut, mit vielen Irrwegen und falschen Fährten.
Was mir an diesen Kriminalromanen von Alex Beer besonders gefällt, ist die Tatsache, dass sie es schafft, alle Ermittlungen in die historische Realität der Zeit einzubetten. Egal ob Wetter, Skandale oder politische Ereignisse – Alex Beer recherchiert penibel genau und lässt ihre Protagonisten vor diesem Hintergrund agieren. Somit wird Wien in den frühen 1920iger Jahren authentisch und sehr lebendig dargestellt.
Dieser 7. Fall entwickelt sich für August Emmerich zu einer persönlichen Geschichte und bringt ihn an seine Grenzen. Es passieren Dinge, die eigentlich unmöglich schienen. Der Fall wurde zwar gelöst, aber die Art, wie das geschah, ergibt wieder zahlreiche Fragen. Glücklicherweise - aber irgendwie auch leider! - endet also auch dieser Roman wieder mit einem Cliffhanger. Es wird also hoffentlich bald eine Fortsetzung geben.
Ganz große Empfehlung - nicht nur für Fans historischer Kriminalromane!
Rezension zu:
Truth is the daughter of time
von HEYN Leserunde, Miriam Brandl, 7. September 2026
Ein ganz besonderer Krimi, eigentlich ein „cold case“, den die Autorin bereits im Jahre 1951 veröffentlichte und der von der englischen Autorenvereinigung Crime Writers‘ Association zum besten Krimi überhaupt gewählt wurde.
Josephine Trey lässt Inspector Alan Grant vom Scotland Yard, der ans Krankenbett gefesselt ist, über Richard III (1452 - 1485) recherchieren. War Richard III tatsächlich der grausame Mörder seiner Neffen, wie es Shakespeare darstellte? Oder verbreitete er nur fake news? Und welches Ziel verfolgte der Historiker Thomas More? Diente er der Wahrheit oder seinen eigenen Interessen?
Gemeinsam mit einem jungen Historiker, arbeitet sich Grant durch zahlreiche historische Dokumente und findet immer wieder Anhaltspunkte, die darauf hindeuten, dass Richard II unschuldig des Doppelmordes und anderer Gräueltaten beschuldigt wurde. Die Wahrheit ist tatsächlich eine Tochter der Zeit!
Kein Krimi im üblichen Sinn, aber ein äußerst unterhaltsamer spannender und kluger Ausflug in die englische Geschichte. Mit zahlreichen Erkenntnissen über Geschichtsschreibung, Autoritäten und Vorurteile!
Lesenswert!
Rezension zu:
"Ein verdorbener Mensch und dennoch unschuldig. Das gibt es"
von HEYN Leserunde, Miriam Brandl, 25. August 2026
Es ist eine seltsame Geschichte, die der Autor uns hier erzählt. Er lässt einen ung 70 Jahre alten Mann auf seine Studienzeit in Marburg zurückblicken. Aber von jugendlichem Übermut, von Aufbruchstimmung oder Lebenslust ist hier absolut nichts zu spüren. Köhlmeier lässt seine Protagonisten in einer tristen Atmosphäre ohne Leidenschaft und voller Langeweile agieren. Viele Reaktionen sind merkwürdig, oft rational kaum nachvollziehbar. Alle scheinen irgendwie verloren, ziel- und planlos in ihren Leben.
Einzig der Wunsch, den der Erzähler bereits im Alter von 6 Jahren formuliert hat, nämlich einmal in seinem Leben einen Mann zu töten, wirkt lebendig. Töten um des Tötens Willen? Moral? Gewissen? Innere Leere? Verdorbenheit?
Michael Köhlmeier skizziert hier das „Böse ohne jeden Sinn“ in wirklich meisterhafter Weise: lakonisch und spannungslos beschreibt er das Ende einer Jugend. Er lässt die Leserin oft ratlos zurück – so wenig Begründung oder Erklärung gibt es für die geschilderten Handlungen. Aber es sind zutiefst menschlich-existenzielle Fragen, mit denen man beim Lesen konfrontiert wird. 160 Seiten, die schnell gelesen werden können, aber nicht so schnell vergessen werden.
Lesenswert!
Rezension zu:
Eine Geschichte, aus einem absurden Himmel gezupft
von HEYN Leserunde, Miriam Brandl, 9. August 2026
Es ist ein durchaus interessantes Gedankenexperiment, das die Autorin in ihrem neuesten Roman durchspielt: wie wäre es, auf sich selbst in Form einer anderen Person zu treffen? Genau das lässt sie nämlich ihren Protagonisten erleben: er trifft auf sein älteres Ich.
Einfach eine kuriose Geschichte oder thematisiert die Autorin auf amüsante Art Identitätsfragen und eine weit verbreitete Orientierungslosigkeit der Jugend? Hendrik (der erste Protagonist) ist allerdings schon fast dreißig Jahre alt, auch wenn er selbst sagt, dass er „kopflos und selbstverloren“ durch sein Leben stolpert.
Oder ist es eine absurde Variante der Suche nach der eigenen Identität? Eine ironische Auseinandersetzung mit einem ständigen Gedankenkreisen um die „ranzige Suppe der eigenen Befindlichkeiten“?
Ich gestehe: mich lässt dieser Roman ein wenig ratlos und etwas buchunzufrieden zurück. Natürlich! Einige kuriose Szenen und vor allen die vielen (aber)witzigen Dialoge haben mir gut gefallen. Trotzdem: fesseln konnte mich diese Geschichte leider nicht. Mit der Zeit wurden die sympathisch schrägen Nebenschauplätze schon fast interessanter als die Hauptgeschichte.
Aber – und das möchte ich wirklich betonen - auch in diesem Buch beweist Johanna Seebauer einen wunderbaren Erzählstil voller Humor und Sprachverliebtheit. Sie hat mich mit „Nincshof“ überzeugt und mit ihrer Mediensatire „Das Gurkerl“ großartig amüsiert. „Popóm“ konnte nicht an diese Vorgänger anschließen.
Trotzdem: ich freue mich jetzt schon auf ihren nächsten Roman!
Rezension zu:
Yaaaaaaaaaawp!
von HEYN Leserunde, Miriam Brandl, 6. Juni 2026
Im Mittelpunkt dieses Romans stehen verschiedene Menschen, die scheinbar nur eines gemeinsam haben: sie wohnen alle in einer Siedlung namens „Am Kastanienbaum“. Die Autorin wirft einen liebevollen Blick auf ganz normale Menschen, deren Schicksale im Laufe der Geschichte fein miteinander verwoben werden.
Es ist kein nervenraubendes Drama, ganz im Gegenteil! Es ist vielmehr ein sehr positiver, warmherziger Roman über Nachbarschaft, Freundschaft, Toleranz und auch Vielfalt, über Mut und dass es gut tut „sich dazu zu setzen“. 346 Seiten, die leicht zu lesen sind, ohne dabei jedoch auch nur eine Zeile lang seicht zu sein. Eine gute Mischung aus humorvollen, nachdenklichen und berührenden Szenen. Es menschelt auf höchst liebenswerte Art!
Ein gelungenes Debüt, das ich unwahrscheinlich gerne gelesen habe, weil mir dieser kurze Ausflug in eine fast heile Welt richtig gut getan hat!
Rezension zu:
"...inwiefern prägen unsere Namen uns und haben Einfluss auf unseren Lebensweg?"
von HEYN Leserunde, Miriam Brandl, 13. April 2026
So steht es im Klappentext und genau dieser Satz machte das Buch wirklich interessant für mich.
Die Autorin spielt in ihrem Debütroman mit drei verschiedenen Lebensvarianten. Zwar geht es um Identität und Persönlichkeitsentwicklung, aber enttäuschenderweise haben die Namen selbst damit nichts zu tun. Sie dienen rein zur leichteren Unterscheidung.
In den einzelnen Varianten wird allerdings deutlich, welchen gravierenden Einfluss das Verhältnis der Eltern zueinander und vor allem die Entwicklung der Mutter auf die Persönlichkeit des Sohnes haben. Passend dazu der Name der Mutter: Cora – ein Name, der im Anhang als „Kern der Geschichte“ definiert wird. Eine kurze Google-Anfrage lieferte andere Ergebnisse, somit ist diese Namensbedeutung sehr persönlich, wohl aber für diesen Roman überaus treffend.
Dieses Buch lässt sich insgesamt schnell lesen, auch wenn immer wieder belastende Themen zur Sprache kommen. So sind zum Beispiel mehrere Szenen häuslicher Gewalt drastisch brutal beschrieben.
Dass die Geschichten in 7-Jahres-Schritten erzählt werden (wahrscheinlich bewusst gewählt?) wirkt manchmal verwirrend bzw zerstückelt die einzelnen Lebensläufe.
Das Thema „Namen und deren Einfluss auf den Lebensweg“ hätte eigentlich ein interessantes Gedankenexperiment sein können, aber das geht im Laufe der 300 Seiten völlig unter und lässt mich somit leider buchunzufrieden zurück.
Der Roman hält einfach nicht, was der Klappentext verspricht!
Rezension zu:
Lebenswelten
von HEYN Leserunde, Miriam Brandl, 1. März 2026
Liz Moore hat diesen Roman bereits 2012 geschrieben. Jetzt erst – vermutlich durch den großen Erfolg von „Der Gott des Waldes“ - wurde er ins Deutsche übertragen. Der Übersetzer, Cornelius Hartz hat diese Aufgabe übrigens mit viel Gespür für Zwischentöne gemeistert!
Die Autorin erzählt die Geschichte zweier Männern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: einerseits ein massiv übergewichtiger Ex-Literaturprofessor und andererseits ein Schüler, der gerade mal erwachsen wird. Eines ist ihnen jedoch gemeinsam: Einsamkeit. Denn darunter leiden beide. Ihre Gedanken, ihre Scham, ihre Verletzungen, ihre Ängste, ihre Isolation in der Welt und ihre Reaktionen bzw ihre eigenen überlebensnotwendigen Wahrheiten sind zentrale Themen dieses Romans. Es geht aber auch um Möglichkeiten und Grenzen, Hilfe anzubieten bzw. Hilfe anzunehmen – ein sehr sensibles Thema, das leider etwas untergeht.
Liz Moore arbeitet mit Rückblenden und wechselnden Perspektiven – das macht den Roman spannend, denn man lernt nur nach und nach die Protagonisten etwas besser kennen und verstehen und langsam wird auch klar, in welcher Verbindung die beiden zueinander stehen.
Der Stil ist angenehm frei von Sentimentalität oder Pathos, aber präzise formuliert und locker zu lesen. Es ist ein leises Buch, eine eindringliche Geschichte.
Ich habe es gerne gelesen, allerdings lässt es mich ein wenig buchunzufrieden zurück, denn das Ende bleibt – trotz eines winzig kleinen Hoffnungsschimmers – offen. Ein allumfassendes Happy End wäre natürlich völlig unpassend gewesen, aber gleich so viele offene Fragen? Dadurch sieht es ein wenig nach einer (zugegebenermaßen gelungenen) stilistischen Fingerübung der Autorin aus.
Lesenswert ist es allemal!
Rezension zu:
Ein Plädoyer für Liebe, Freundschaft und Toleranz
von HEYN Leserunde, Miriam Brandl, 16. Februar 2026
Graham Norton, Schriftsteller, Comedian und Schauspieler, schreibt über das Leben einer Frau beginnend in den 1950iger Jahren bis ung. 2024.
Protagonistin ist die 84jährige Frankie, die in Gesprächen mit ihrem Pfleger Damian ihr eigenes Leben Revue passieren lässt. Sie erzählt von Höhen und Tiefen, von Freundschaft, Mut, von Liebe, Verletzungen und Verlusten, von der eigenen Entwicklung ebenso wie von politischen Veränderungen und gesellschaftlichen Herausforderungen.
Ein sehr abwechslungsreiches Leben – vielschichtig und lebendig beschrieben.
Natürlich! Es sind doch arg viele Zufälle bzw Glücksfälle, die Frankies Leben bestimmen – aber diese Unglaubwürdigkeiten haben mich nicht gestört. Im Gegenteil! Mir hat Frankie wirklich gut gefallen und sie ist mir im Laufe der knapp 400 Seiten ans Herz gewachsen.
Es ist keine außergewöhnliche Geschichte, aber es ist eine gute Geschichte, die noch dazu sehr gut erzählt wird. Graham Norton kann schreiben – hier hat er es wieder mal bewiesen
Ein Lesegenuss – unterhaltsam und berührend!
Rezension zu:
Wer war Jack the Ripper?
von HEYN Leserunde, Miriam Brandl, 5. Februar 2026
Schon wieder ein Buch über Jack the Ripper? Kann das überhaupt noch interessant sein? Es gibt doch schon mindestens 777777 Bücher zu diesem Thema!
Überraschenderweise muss ich zugeben, dass dieses True-Crime-Rätsel-Buch von Philipp Fleiter wirklich überzeugend „anders“ ist, nämlich spannend und gleichzeitig informativ. Es ist eine gelungene Mischung aus gut recherchierten und historisch belegten Fakten einerseits und Fiktion andererseits. Der Autor lässt nämlich die Reporterin Charlotte Frances Foster nach der Wahrheit über die grauenhaften Morde suchen. Vorbild für diese Protagonistin war übrigens Elizabeth Jane Cochran, besser bekannt unter dem Synonym Nellie Bly – die bekannteste Reporterin dieser Zeit. Ihre Suche bildet die Rahmenhandlung und ermöglicht, dass neben den Morden auch soziale Missstände und gesellschaftliche Verhältnisse thematisiert werden. Der Autor zeichnet ein stimmiges Bild jener Zeit, beschreibt das Leben und die Probleme der Frauen, die dem Ripper zum Opfer fielen.
10 Kapitel, die nicht nur die Geschichte und Geschichten um Jack the Ripper erzählen, sondern viel mehr zu bieten haben: besonders gefallen mir die Infoboxen, wo man allerlei Wissenswertes über die Zeit und das Leben erfahren kann und eine amüsante Spielerei sind die Rätsel, die jedes Kapitel abschließen. Ich vermute allerdings, dass die Autoren (immerhin Peter & Johannes Sich) die Nachdenk- und Kombinierlust der Leserinnen etwas unterschätzt haben. Es könnte kniffliger sein!
Genial finde ich die Lösung am Ende – jeder kann seine eigenen Schlüsse ziehen und sich für einen der vier Verdächtigen entscheiden. Der Autor erläutert dann etwas genauer was für oder gegen diesen Verdächtigen spricht. Spannend!
Wer also gerne rätselt und sich für True-Crime interessiert, wird mit diesem Buch nette und vergnügliche Lesestunden verbringen!
Rezension zu: