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Eine Udographie
von Herwig Oberlerchner, 27. Mai 2026

Die neu aufgelegte und ergänzte und überarbeitete Biographie beschreibt dieses Urgestein deutscher Musikgeschichte in Form von kurzweiligen Episoden und Anekdoten von Alkohol bis Zigarren. Daran erkennt man schon, dass auch die Suchthematik in der Lebensachterbahn dieses faszinierenden Künstlers eine zentrale Rolle spielt. Zuletzt weiß man nichts von Udo Lindenbergs Leben, keine Fakten und Daten und hat doch das Gefühl diesem Menschen sehr nahe gekommen zu sein. Eine etwas andere Biographie - eine Udographie.

Rezension zu:
Ein missglücktes Mosaik
von Herwig Oberlerchner, 3. Mai 2026

Die Straße
Robert Seethaler

„Der Trafikant“ – ein wunderbares Buch, verfilmt noch besser, „Ein Ganzes Leben“ - eine berührende Biographie eines einfachen Menschen, der nur Arbeit und eine Liebe kennt, in „Der letzte Satz“ mit Mahler am Schiff … und jetzt das: Ein Mosaik aus Steinen, die auch zusammengefügt kein Bild ergeben, Wahrnehmungsbruchstücke und Sequenzen, willkürlich oder zufällig aneinandergereiht wie mit der Shuffle-Funktion, ohne Tiefgang. Schicksale und Ereignisse während eines Jahres in einer Straße, wie es Tausende gibt aus einer affektentkoppelten Beobachterposition.
Ein enttäuschendes, missglücktes Buch – auch wenn in den Medien natürlich breit und nur zart ambivalent und unaufrichtig beworben – eines vielleicht ausgeschriebenen Schriftstellers. Ein schlechtes Buch bleibt ein schlechtes Buch, auch wenn es aus einer berühmten Feder stammt.

Rezension zu:
Rotzig frech - schleimig triefend.
von Herwig Oberlerchner, 29. April 2026

Fund bei einem Bücherflohmarkt. Aufgehoben, hinausgezögert, angefangen und nach der zehnten Seite fasziniert durchgezogen. Ein rotzig frecher, provokanter Stil, ein Pubertierender „reift“ in einer faszinierend empathielosen Welt heran, wird als suspekter Außenseiter des Mitwirkens an einem Schulmassaker bezichtigt und Zentrum einer sensationsgeilen, gierigen und rücksichtslosen Medienlandschaft. Ein von Körperflüssigkeiten triefender, abgründiger Einblick in die kranken Untiefen der amerikanischen Gesellschaft. Eine verstörend-spannende Dystopie.

Rezension zu:
Kafka in Japan
von Herwig Oberlerchner, 20. April 2026

Die Fabrik
Wenn einem mitteleuropäische Bücher (Familien- und Beziehungsgeschichten, Krimis lese ich nicht, Biographien …) zu monoton werden, dann lohnt sich der suchende Blick nach Asien, nicht umsonst war die Südkoreanerin Han Kang 2024 Nobelpreisträgerin und fasziniert mich Haruki Murakami nach wie vor.
Hiroko Oyamada legt mit ihrem Buch „Die Fabrik“ ein besonderes Buch vor. In einer ominösen Riesenfabrik an einem Fluss mit rätselhafter Fauna bestehend aus schwarzen Vögeln, Eidechsen und Nutrias werden drei junge Menschen neu eingestellt. Ihr wenig sinnvoller Tätigkeitsbereich, die Atmosphäre am Arbeitsplatz und die Einsamkeit dieser Menschen machen beklommen, erinnern an Kafka. Die Handlungs- und Zeitsprünge verschärfen die düstere und unheimliche Stimmung, die sich gegen Ende zuspitzt, als das Buch ins Surreale kippt.
Das Buch imponiert zuletzt unfertig, aus Textteilen zusammengefügt, bruchstückhaft. Absicht?

Rezension zu:
Das Buch und Misslinger verlieren sich in der Strömung des Meeres
von Herwig Oberlerchner, 14. April 2026

Misslinger macht - unterstützt vom einflussreichen Altpolitiker Walter - einen raschen Aufstieg in einer Partei in Deutschland. Er arbeitet sich unermüdlich hoch, vergisst auf sich und seine Familie, verrät seine Ideale, sucht nach Freiheit und verliert sich schließlich endgültig in der Strömung des Meeres. Das bedrückend-tragische Ende eines Karrieristen.

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Die Liebe des Kolibri
von Herwig Oberlerchner, 7. April 2026

Marco verliert in seinem Leben viele Menschen unter dramatischen Umständen, zuerst als Jugendlicher die Schwester (Suizid), dann später die Eltern (Krebs) und auch seine Tochter (Kletterunfall). Seine Enkelin zieht er alleine und hingebungsvoll auf, er sieht sie als Vertreterin jenes neuen Menschen, der vielleicht diesen Planeten retten kann. Die vielen Verluste übersteht er, weil er immer wieder jemanden findet, dem er seine ganze Liebe schenken kann. Wie ein Kolibri hält er sich so in Schwebe und überlebt, erhält aber auch Unterstützung von einem warnenden Psychoanalytiker und einem Unglücksbringer, der ihm zweimal Glück bringt, bis das Unglück ein letztes Mal über ihn hereinbricht.
Ein Buch und ein Leben, zusammengeklebt aus Briefen, Erinnerungen, Zitaten, Anleihen, Märchen, Wundern, Mythen und dem Rätsel der Liebe.

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Keine Höhen und Tiefen - nur mehr steil bergab.
von Herwig Oberlerchner, 31. März 2026

In Franz Fialas Leben gibt es keine Höhen und Tiefen mehr, es geht nur mehr steil bergab. Er verliert die Freude an seiner Arbeit und kann sich mit seinem Arbeitgeber – der EU – und dessen wechselnden Zielen und Visionen nicht mehr identifizieren. Er plant Brüssel, jene Stadt, in der er vor Jahrzehnten mit so viel Enthusiasmus und voller Pläne angekommen ist, zu verlassen und riskiert damit auch die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin. Er möchte sich mehr um seine schon sehr betagte Mutter in Wien kümmern, den vorzeitigen Ruhestand genießen, doch dann stirbt ein Onkel und er erhält die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs. Operation, Komplikation, Zweitoperation. Nur noch wenige Wochen, er kämpft um jeden Tag, um nicht vor der Mutter zu sterben. Und dann das Ende, so gut und dicht und berührend erzählt, dass man versteht, warum man dieses scheinbar so schmerzhaft-hoffnungslose Buch nicht zuvor weggelegt hat.

Rezension zu:
Ein Schwein rennt durch Brüssel
von Herwig Oberlerchner, 28. März 2026

Fein und detailliert herausgearbeitete Charaktere, intensive Recherchen zum Alltag in den verschiedenen Etagen der EU, ein herumirrendes Hausschwein und ein Mord, der nicht aufgeklärt werden darf – die Zutaten dieses Romans, in dessen Mittelpunkt aber der Begriff der Nationalität steht im Spektrum des Größenwahns der Nationalsozialisten und dem Tiefpunkt menschlicher Geschichte – Ausschwitz – bis zu subtilen Versuchen Nationalbewusstsein zu einem Menschheitsbewusstsein heranreifen zu lassen.
Anfänglich etwas überkomplex im Sondieren der Persönlichkeiten, zuletzt zu viele Fragezeichen, ein Buch, das die einsamen und narzisstischen Menschen in ihrer Selbstreflexionsfähigkeit überhöht. Die EU - eine Institution, deren Vision verloren gegangen ist. Stilistisch gewaltig, kluge Metaphern, anregend.

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Sicher nicht zu viel des Guten
von Herwig Oberlerchner, 23. März 2026

Eine Familie. Vater, Mutter, zwei Töchter. Und der Großvater, der mit dem zehnjährigen Sohn schon vor vielen Jahren von Ungarn eigentlich nach Amerika wollte, aber in der Schweiz hängen blieb. Hoher Anpassungsdruck, das Leben aller drei Generationen weit weg von den eigentlichen Wünschen und Sehnsüchten. Tod des liebenswert-schrulligen Großvaters, Scheidung der Eltern, Zerbrechen der Familie, die Töchter leiden, die jüngere still, die ältere expansiv bis zur individuellen Katastrophe. Sprachlich sehr ansprechend, bildhaft klug, ein tiefer Einblick in die komplexe Soziodynamik einer Migrantenfamilie.

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Zwei Teenager auf der Suche nach ihrer Identität
von Herwig Oberlerchner, 19. März 2026


Sissy ist 12, hat eine psychisch kranke Mutter, die Eltern sind getrennt, andere Bezugspersonen gibt es nicht. Ihr Leben besteht aus Beziehungsabbrüchen, Sorge um die Mutter und diffusen Sehnsüchten, viel Einsamkeit und dem besorgten Beobachten der körperlichen Veränderungen. Sie lernt in der Schule die 13-jährige Tegan kennen, deren Bruder sich kürzlich suizidiert hat und deren Bezugspersonen ebenso blind für ihre Bedürfnisse sind wie selbstbezogen. Es entsteht eine tiefe Freundschaft. Tegan beschützt Sissy zwar vor schmerzhaftem Bullying, ist aber so manipulativ und egozentrisch, dass Sissy in seelische Not gerät und sich in ein Amphibium zu verwandeln meint.
Die zart keimende Weiblichkeit wird obendrein bedroht von einer geilen und rücksichtslosen Männerwelt.
Intensive Bilder, manches klischeehaft, ein tiefer Einblick in das Unbewusste keimender Weiblichkeit und in die Nöte vernachlässigter Heranwachsender.

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