Main Character Syndrom
von LeserinLu , 31. Mai 2026
„Ein unheimlich guter Mensch“ gehört für mich ganz klar in die Kategorie Weird Girl Fiction, die aktuell so beliebt ist, weil sie eigenwillige Protagonistinnen in den Mittelpunkt stellt. Der Roman ist schräg, bitterböse und dabei sehr unterhaltsam. Immer wieder überschreitet er die Grenze zwischen Fremdscham und Komik, sodass man gleichzeitig lachen und die Hände vor die Augen halten möchte.
Die Protagonistin Lillian ist keine sympathische Heldin im klassischen Sinn. Sie ist egozentrisch, impulsiv, unangenehm, selbstbezogen und besitzt ein Main-Character-Syndrom, das ihresgleichen sucht. Eigentlich müsste man sie furchtbar finden. Und trotzdem drückt man ihr die Daumen. Lillian möchte nämlich eigentlich nur, dass aus ihrer lockeren Affäre mit Henry endlich eine richtige Beziehung wird. Als er sie abserviert, greift sie zu fragwürdigen Maßnahmen. Als Henry dann tot aufgefunden wird, ist Lillian mittendrin in einem Chaos, das mit jeder Seite größer wird.
Wer liebenswerte Figuren sucht, ist hier vermutlich falsch. Wer aber Freude an chaotischen, moralisch fragwürdigen Protagonistinnen hat, die Katastrophen magisch anziehen und dabei für beste Unterhaltung sorgen, sollte sich dieses Buch unbedingt anschauen.
Rezension zu:
Interessant
von LeserinLu , 29. Mai 2026
Ausgangspunkt des Buches ist das reale, bis heute rätselhafte Treffen zwischen Marilyn Monroe und der Psychoanalytikerin Anna Freud im London des Jahres 1956. Hektor Haarkötter verbindet historische Quellen, biografische Details und eigene Hypothesen zu einer fiktiven, aber möglichen Erzählung der Begegnung der beiden Frauen. Als ich zu diesem Buch gegriffen habe, dachte ich ehrlich gesagt, dass mich vor allem Marilyn Monroe faszinieren würde. Früher war ich ein riesiger Marilyn-Fan, umso überraschender war es, dass ich die Passagen über Anna Freud letztlich fast noch spannender fand.
Gerade wer sich für Psychoanalyse, psychologische Dynamiken oder die Geschichte berühmter Frauen interessiert, wird hier vermutlich viel Spannendes finden. Manche Gedankengänge und Interpretationen fand ich wirklich interessant, vor allem dort, wo das Buch sich mit der kritischen Einordnung der Psychoanalyse beschäftigt. Sprachlich hatte ich allerdings ein paar Schwierigkeiten. Teilweise war mir der erzählerische Ton etwas zu betulich und einige Metaphern wirkten auf mich eher schief als gelungen.
Trotzdem hat mich das Buch insgesamt gut gefallen. Ein Buch, das weniger Klatsch über Marilyn liefert als vielmehr eine Betrachtung zweier komplexer Frauenfiguren.
Rezension zu:
Interessant
von LeserinLu , 26. Mai 2026
Warum schlafen Frauen eigentlich so oft schlecht? Genau dieser Frage widmet sich Dr. Kirschner-Brouns in „Frauen und Schlaf“. Sie verbindet dabei wissenschaftliche Erkenntnisse mit gesellschaftlichen Themen und praktischen Tipps. Das Buch zeigt, wie stark Hormone unseren Schlaf beeinflussen: Zyklus, Schwangerschaft, Stillzeit und Wechseljahre wirken sich massiv auf die Schlafqualität aus. Gleichzeitig geht es aber auch um Mental Load und den sogenannten „Gender Sleep Gap“ – also die Tatsache, dass Frauen statistisch gesehen schlechter schlafen und häufiger unter Schlafproblemen leiden.
Besonders gefallen hat mir der lockere, fast plaudernde Schreibstil. Trotz vieler wissenschaftlicher Informationen liest sich das Buch angenehm leicht und überhaupt nicht trocken. Ich mochte außerdem die vielen kleinen Fun Facts und Aha-Momente rund um Schlaf, Erholung und unseren Körper. Man merkt, dass das Thema inzwischen endlich mehr Aufmerksamkeit in Forschung und Medizin bekommt.
Hat mich das Buch nun zu einer ausgeschlafenen Mutter gemacht? Eher nicht ???? Mit Baby sind viele der vorgeschlagenen Maßnahmen aktuell einfach schwer umsetzbar. Genau deshalb fand ich das Buch aber trotzdem spannend: Es hat mir gezeigt, warum mein Schlaf gerade so herausfordernd ist. Einige Strategien und Tipps werde ich mir definitiv für ruhigere Lebensphasen merken. Für mich war es eine interessante Mischung aus Wissenschaft, gesellschaftlicher Einordnung und alltagstauglichen Impulsen. Wer sich für Gesundheit, Schlaf oder weibliche Körperthemen interessiert, bekommt hier einen gut verständlichen Einstieg ins Thema.
Rezension zu:
Motivierend
von LeserinLu , 24. Mai 2026
„Wut und Wärme“ ist ein sehr persönliches Sachbuch der Tekkal-Schwestern, das gesellschaftliche Werte nicht abstrakt verhandelt, sondern über gelebte Erfahrungen erzählt. Besonders gut gefallen hat mir die Struktur des Buches: Entlang zentraler Werte wie Mut, Verantwortung, Empathie oder Rebellion schildern die Tekkal-Schwestern abwechselnd, wie diese Werte ihr Leben geprägt haben und was sie ihnen heute bedeuten. So entsteht nach und nach ein Mosaik aus Kindheits- und Jugenderinnerungen, politischen Erfahrungen und persönlichen Entwicklungen.
Gerade diese Verbindung aus individueller Geschichte und gesellschaftlicher Vision macht das Buch so lesenswert. Die Schwestern schreiben offen über ihre Herkunft als Töchter einer jesidisch-kurdischen Flüchtlingsfamilie, über Diskriminierung, Aufstieg und Aktivismus, aber immer auch über Zusammenhalt und Hoffnung. Dabei wirkt das Buch nie belehrend, sondern vielmehr motivierend und stärkend, der Ton ist plaudernd und liest sich flüssig. Besonders mochte ich, dass unterschiedliche Stimmen und Perspektiven nebeneinanderstehen dürfen. Dadurch entsteht ein sehr lebendiger Eindruck von Schwesternschaft, die eben nicht bedeutet, immer gleich zu sein, sondern sich gegenseitig zu tragen und zu inspirieren. Viele Gedanken haben mich beim Lesen beschäftigt und mir gleichzeitig Mut gemacht, gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten oft von Spaltung geprägt sind.
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Mosaik
von LeserinLu , 23. Mai 2026
„Die Straße“ von Robert Seethaler unterscheidet sich stilistisch deutlich von seinen bisherigen Romanen. Statt einer klaren, durchgehenden Handlung entsteht hier ein Mosaik aus vielen kleinen Szenen, Begegnungen und Schicksalen. Unterschiedliche Bewohner der Heidestraße treten kurz ins Zentrum, verschwinden wieder und werden später vielleicht noch einmal gestreift. Diese Struktur fand ich anfangs sehr spannend und kunstvoll umgesetzt.
Sprachlich bleibt Robert Seethaler dabei unverkennbar: reduziert, poetisch und mit einem Gespür für die stillen Momente des Lebens. Viele Beobachtungen über Einsamkeit, Sehnsucht und menschliche Verletzlichkeit haben mir gut gefallen. Allerdings hatte ich im Verlauf der Lektüre zunehmend das Gefühl, dass sich die einzelnen Episoden eher zufällig aneinanderreihen. Teilweise bleibt lange unklar, von wem gerade erzählt wird, und nicht jede Figur oder Szene entwickelt genügend Tiefe, um wirklich etwas auszusagen. Was zunächst wie ein interessantes literarisches Mosaik wirkte, verlor für mich dadurch nach und nach an Spannung.
So blieb am Ende vor allem die Bewunderung für die Sprache und die Idee des Romans, während mich die eigentliche Lektüre irgendwann nicht mehr vollständig fesseln konnte. „Die Straße“ ist sicherlich ein interessantes literarisches Experiment und ein atmosphärischer Blick auf die kleinen Dramen des Alltags, ist für mich aber nicht einer der stärksten Romane von Robert Seethaler.
Rezension zu:
Typisch Maiwald
von LeserinLu , 22. Mai 2026
„Espresso unter Sternen“ ist wieder genau die Art von Buch, die man am liebsten mit einem Kaffee in der Sonne lesen möchte. Maiwalds Texte haben einfach etwas Wohlfühliges und sind voller kleiner Beobachtungen, die den Alltag plötzlich leichter wirken lassen. Schon das wunderschöne Cover macht Lust darauf, nach Italien aufzubrechen. Dieses Mal geht es nach Triest, wo sich der Autor eine „Anderszeit“ genommen hat.
Während Stefan Maiwald von Grado nach Triest zieht, entstehen wie gewohnt bei Maiwald viele charmante Begegnungen und kleine Alltagsgeschichten, die plaudernd erzählt werden. Dabei liest sich alles angenehm leicht, ohne belanglos zu sein. Zwischendurch gibt es immer wieder bunt gemischte Fakten zur Geschichte der Stadt. Gerade die historischen Hintergründe fand ich sehr spannend. Dass Triest so eng mit Literatur verbunden ist und viele Schriftsteller dort gelebt haben, war mir zwar grundsätzlich bekannt, aber die Art, wie das hier erzählt und zusammengeführt wird, hat mir richtig gut gefallen. Besonders die Passagen über Bücher, Cafés und kleine Glücksmomente haben bei mir sofort Fernweh ausgelöst.
Für mich war „Espresso unter Sternen“ ein entschleunigendes Wohlfühlbuch voller Italiensehnsucht, Lebensfreude und kleiner Glücksmomente. Es ist perfekt für alle, die Reiseberichte mit persönlicher Note und viel Atmosphäre mögen und natürlich für alle Maiwald-Fans.
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Erschreckend realistisch
von LeserinLu , 20. Mai 2026
„Just Watch Me“ ist tatsächlich wie eine Folge von Black Mirror: beklemmend, überspitzt und gleichzeitig erschreckend nah an der Realität. Dell entschließt sich, Geld für die Versorgung ihrer im Koma liegenden Schwester zu sammeln, indem sie auf einer Plattform dauerhaft streamt und absurde Wünsche ihrer Zuschauer:innen gegen Spenden erfüllt. Der Roman entwickelt ein Szenario, das beim Lesen immer unangenehmer wird, gerade weil man ständig denkt, dass solche Dinge tatsächlich genauso jetzt gerade passieren.
Dell war für mich dabei eine großartige Protagonistin, weil sie wütend, verletzlich und oft ziemlich kratzbürstig ist. Obwohl sie andere Menschen immer wieder vor den Kopf stößt und sich zunehmend in der öffentlichen Aufmerksamkeit verliert, habe ich die ganze Zeit mit ihr mitgefiebert. Ihre impulsive Art macht viele ihrer Entscheidungen nachvollziehbar, selbst wenn der Livestream und die zunehmende Selbstinszenierung immer extremere Formen annehmen. Besonders gelungen fand ich, wie spannend und gleichzeitig bedrückend der Roman erzählt ist. Die Geschichte liest sich sehr flüssig und entwickelt schnell einen Sog. Mit jedem Kapitel wird deutlicher, wie sehr soziale Medien, öffentliche Aufmerksamkeit und digitale Selbstdarstellung Menschen vereinnahmen können.
Trotz der düsteren Themen bleibt das Buch trotzdem immer unterhaltsam. Für mich war „Just Watch Me“ ein intensiver und unangenehm realistischer Roman über Sichtbarkeit, Ausbeutung und die Mechanismen des Internets.
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Bitterböser Fiebertraum
von LeserinLu , 18. Mai 2026
„She’s a Star“ ist ein Roman, der sich anfühlt wie ein bitterböser Fiebertraum. Schon nach wenigen Seiten war ich komplett im Bann dieser einerseits unterhaltsamen, andererseits verstörenden Geschichte und konnte kaum aufhören zu lesen.
Im Mittelpunkt steht Jessamyn St. Germain, eine Protagonistin, die ich gleichzeitig mögen, bemitleiden, manchmal auch schütteln und hassen wollte. Sie trifft fragwürdige, teilweise erschreckende Entscheidungen, verliert sich immer stärker in ihren eigenen Fantasien und überschreitet dabei mehr als eine Grenze. Und trotzdem habe ich mich ständig dabei ertappt, ihr irgendwie doch die Daumen zu drücken. Durch Jessamyns Rolle als unzuverlässige Erzählerin bleibt die Handlung permanent unberechenbar. Immer wieder verschwimmen Realität, Wunschdenken und Obsession miteinander, und manches, was zunächst real erscheint, entpuppt sich später als Produkt ihrer eigenen Gedankenwelt. Dadurch bleibt der Roman bis zuletzt spannend und voller Überraschungen.
Besonders gelungen fand ich den bitterbösen Humor, der sich durch die gesamte Geschichte zieht. Trotz aller Abgründe ist das Buch unglaublich unterhaltsam und entwickelt einen regelrechten Sog. Auch sprachlich hat mich der Roman überzeugt: Der Stil, ebenso wie die Übersetzung, liest sich sehr flüssig, sodass ich förmlich durch die Seiten geflogen bin. Spannend fand ich außerdem die literarische Ebene durch die zahlreichen Bezüge zu „Die Möwe“ von Tschechow,. Jessamyns Mischung aus Ehrgeiz, Selbstüberschätzung und wachsendem Realitätsverlust hat mich stellenweise auch an „Yellowface“ erinnert, ihr Wunsch, ein glänzender Star zu werden an „Das kunstseidene Mädchen“.
Für mich ist „She’s a Star“ ein herrlich böser, kluger und gleichzeitig verstörender Roman über Ehrgeiz, Selbsttäuschung und die gefährliche Sehnsucht, gesehen zu werden, aber absolut nichts für schwache Nerven!
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Wie immer
von LeserinLu , 17. Mai 2026
„Träume aus Feuer“ ist wieder genau das, was ich an Illies’ Büchern so schätze: eine ungewöhnliche historische Geschichte, erzählt mit großer Leichtigkeit, viel Atmosphäre und dieser ganz eigenen Mischung aus Poesie, kluger Beobachtung auf Basis umfangreicher Recherche und humorvollen Kommentaren. Dieses Mal geht es um den Glasmacher Johannes Kunckel und seine Pfaueninsel.
Ehrlich gesagt hätte mich das Thema ohne Illies als Autoren kaum angesprochen. Glasmacherei, Alchemie, Feindschaften am brandenburgischen Hof sind eigentlich keine Stoffe, nach denen ich normalerweise greifen würde. Aber ich liebe einfach Illies Sprache, die verspielt und immer wieder herrlich kommentierend ist, ohne belehrend zu wirken. Für mich bestätigt dieses Buch wieder, dass ich vermutlich alles von Florian Illies lesen würde, selbst über Themen, die mich eigentlich überhaupt nicht interessieren. Denn wenn Geschichte so lebendig, poetisch und zugleich augenzwinkernd erzählt wird, macht die Lektüre einfach Spaß. Für Illies-Fans!
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Einfühlsam
von LeserinLu , 14. Mai 2026
„Sie wollen uns erzählen“ ist ein Roman über ADHS und Neurodivergenz, gesellschaftliche Zuschreibungen, Überforderung im Familienalltag sensibel und mit viel sprachlichem Feingefühl verhandelt.
Leider hat mich die Geschichte über weite Strecken nicht ganz mitgenommen. Gerade im Mittelteil fehlte mir stellenweise etwas Dynamik, sodass ich das Gefühl hatte, dass die Handlung nur langsam vorankommt. Obwohl die Figuren interessant angelegt sind und viele spannende Themen mitschwingen, hat mich der Roman dadurch teilweise gelangweilt.
Umso stärker fand ich allerdings das Ende. Dort nimmt die Geschichte plötzlich Fahrt auf, wird emotionaler und auch dramatischer. Gerade diese letzten Kapitel haben mich dann doch noch sehr berührt und vieles von dem, was vorher eher ruhig und tastend erzählt wurde, emotional zusammengeführt. Besonders hat mir dabei auch die Sprache gefallen: präzise, oft poetisch und immer passend zum Inhalt.
Insgesamt ist „Sie wollen uns erzählen“ damit für mich ein sprachlich schöner und thematisch wichtiger Roman, der mich erzählerisch nicht immer mitnehmen konnte, mich am Ende aber fürs Weiterlesen belohnt hat. Wer ruhige Geschichten mag, kann in dem Roman ganz viel über Neurodivergenz lernen.
Rezension zu: