Eine wundervoll magische, liebevolle und humorvoll-ernste Geschichte
von nessabo, 30. Oktober 2026
Das war ein absoluter Hörgenuss. Lisa Hrdina hat den Figuren ein ganz tolles, authentisches Profil gegeben - ich hätte ihr einfach ewig zuhören können. Durch die fantastische Sprecherin haben die Figuren exakt den mal leicht ulkigen, mal ungefiltert-ernsten Charakter bekommen, der einfach absolut zu ihnen gepasst hat.
Und auch sonst hat Annika Büsing hier ein fantastisches, unterhaltsames Werk mit liebenswerten Figuren, besonderer Sprache und aktueller Thematik geschrieben. Der Sprachstil ist geprägt von einer ungefilterten Schnauze, vor allem zwischen Marie und Magisch. Mir hat das richtig gut gefallen - die Autorin hat sich mit diesem Text ihren Lesenden geöffnet und so hatte ich an keiner Stelle das Gefühl, dass mir der Zugang fehlte.
Was mich vor allem begeistert hat, war neben der liebevollen Figurengestaltung die politische Ebene. Es dreht sich viel um rassistisch „besorgtes“ Gedankengut gerade in ländlichen Gebieten, aber auch um waschechte Nazis, die gewaltvoll gegen andere vorgehen. Maries Bruder Andi ist das schwarze Schaf der Familie und hat explizit auch ihren linken Freund Magisch im Visier.
Die Geschichte ist klar antifaschistisch, zentral geprägt durch Marie und Magisch, aber er lässt auch Raum für die gemischten Gefühle der Protagonistin, die diese angesichts ihres Nazi-Bruders hat. Als ihm ein persönliches Schicksal widerfährt, ist er immer noch ein gewaltbereiter Nazi und das wird auch nicht entschuldigt, aber eben auch ihr am Boden zerstörter Bruder. Die damit einhergehende Zerrissenheit und Trauer war pointiert und greifbar umgesetzt.
Ich fand das einfach sehr gut geschrieben, politisch nicht vereinfachend, aber doch deutlich positioniert. Die Sprache ist mit ihrer Direkt- und Ungehobeltheit vielleicht nicht für alle etwas, aber ich habe sie geliebt. Immer wieder wird auch die Leserin angesprochen, was mir ebenso gut gefallen hat. In die ehrliche, erwachsene Beziehung zwischen Magisch und Marie habe ich mich natürlich auch ein wenig verliebt und sie einfach unglaublich gern begleitet.
Ein ganz toller Roman, der Ernst mit Leichtigkeit, Herzenswärme und Gemeinschaft verbindet - das alles in einem sehr passenden Ruhrpott-Setting. Als Hörbuch perfekte Unterhaltung, aber ich bin mir sicher, dass Annika Büsing auch im geschriebenen Wort abliefert.
Rezension zu:
So viel mehr als der Klappentext ankündigt
von nessabo, 26. Oktober 2026
Suzie Miller legt nach dem verdienten Erfolg von „Prima Facie“ auf gleichem Niveau nach. Wieder einmal schreibt sie über das Rechtssystem und doch ist dieser Roman noch so viel mehr als der angekündigte moralische Konflikt einer feministischen Mutter.
Denn bevor es überhaupt zum Vergewaltigungsvorwurf gegen ihren Sohn kommt, zeichnet die Autorin erst einmal intensiv ein reizvolles, hochwertiges Bild der Protagonistin: Einerseits knallharte feministische Richterin, andererseits Mutter und Ehefrau, die trotz aller Bemühungen in erlernte Muster rund um Care Arbeit verfällt. Dass sie auf der Karriereleiter weiter oben steht als ihr Mann, verursacht regelrechte Schamgefühle, obwohl sie sich der Ironie dessen bewusst ist. Ich bin beeindruckt davon, dass Suzie Miller es schafft, wie nebenbei und dabei doch so zentral Themen wie Mental Load und die unausgeglichene Belastung in Hetero-Beziehungen in der Geschichte mit zu verhandeln.
Die Autorin zieht die Spannung in der ersten Hälfte immer weiter an. Subtil, aber doch bis in jede Zelle spürbar. Dabei verbindet sie elegant Gegenwart und Vergangenheit, um zum einen herauszubilden, dass ihr Sohn ein sensibler Mensch ist, der in der Vergangenheit intensiv gemobbt wurde und zum anderen, um die Feinheiten ihrer Hetero-Ehe mit Klassenunterschieden abzubilden. Beim Lesen ist spürbar, wie bewusst sie plottet, was sie aber so geschickt tut, dass es sich trotzdem ganz natürlich anfühlt.
Die Gratwanderung zwischen patriarchaler Prägung und feministischem Bewusstsein ist brillant! Jess schwankt bspw. zwischen dem Stolz darüber, als feministische Frau ins Richterinnenamt berufen worden zu sein, und einer tiefliegenden Scham ihrem Mann gegenüber, weil er sich angesichts dieser gefühlten Ungerechtigkeit unsicher fühlt - ist er doch selbst „nur“ Kronanwalt. Die natürliche Anspruchshaltung von Männern ist hier ebenso feinsinnig dargestellt wie die erlernte Kleinmachung von Frauen.
Natürlich ist die Ambivalenz sowie die Suche nach einer Wahrheit in Folge des Vergewaltigungsvorwurfs ein emotional zentrales Thema. Jess ist zwar zutiefst feministisch mit dem Anspruch, Betroffenen bedingungslos zu glauben, aber sie ist eben auch Mutter eines feministisch erzogenen Sohnes mit Mobbingvergangenheit. Diese moralische Gratwanderung ist unglaublich gut geschrieben, jeder Absatz enthält wertvolle Gedanken, die mich richtig eingesaugt haben.
Doch was den Roman so besonders macht, sind die Feinheiten um den moralischen Kernkonflikt herum: die Details patriarchalen Denkens sowie feministischen Kämpfens, von Beziehungsdynamiken und Elternschaft. Suzie Miller hat eine Beobachtungsgabe und Präzision wie kaum eine Zweite und zeichnet ihre Figuren voller Ambivalenz sowie emotionaler Tiefe. Das Ende hätte sie nicht besser verfassen können, einfach wieder ein makelloses Werk dieser kämpferischen Autorin.
Rezension zu:
Grandioses Setting, aber erzählerisch mit deutlichen Schwächen
von nessabo, 26. Oktober 2026
"Die Auster" hat mir das Lesen leider wirklich nicht leicht gemacht. Und dabei war ich von Cover und Klappentext so angesprochen! Eine Kriminalstory, aber nicht gruselig und dann noch im Setting eines Einkaufszentrums. Aber irgendetwas an Sprache sowie Erzählart hat mich deutlich gestört und damit nicht so richtig eintauchen lassen.
Leonora ist eine gut gewählte Protagonistin, ältere Figuren stehen viel zu selten im Zentrum von Geschichten. Als Reinigungskraft mit Ü70 bietet sie zudem eine Möglichkeit, Klassismus zu thematisieren und das macht die Autorin an einigen Stellen auch wirklich gut. Besonders in der Umgebung des glänzenden Einkaufszentrums prallen hier die Welten auf interessante Weise aufeinander. Für mich wäre da trotzdem noch mehr Deutlichkeit drin gewesen.
Mein größtes Problem lag vor allem in der Distanz der Figuren. Besonders Leonora blieb mir bis zum Ende fremd und nicht greifbar. Mal wirkte sie recht einfach in ihren Gedanken, dann wieder wie eine raffinierte Detektivin. Auch die Nebenfiguren haben es mir verwehrt, sie einzuordnen. Kann gewollt sein, entspricht aber nicht meiner Präferenz. Figuren dürfen sehr gern mit meiner Überzeugung spielen und vielschichtig oder sogar ambivalent sein. Aber hier war alles so flüchtig, dass ich es regelrecht frustrierend fand.
Die Story ist am Ende gut aufgelöst - nichts wird explizit ausgesprochen, aber es ist doch verständlich, was passiert ist. Das ist ein positiver, aber auch fordernder Aspekt von Inokais Sprache. Die teils großen Sprachbilder waren wiederum nicht meins und haben mich zusätzlich auf Distanz gehalten.
Das Setting war definitiv das Beste am Buch! Ich habe selbst viel Zeit mit meinen Eltern in diesen Kaufhäusern verbracht und war bildlich total in der Szene. Doch abgesehen davon hat mich die Geschichte zu oft verloren, weshalb ich nie so richtig in diesem eigentlich spannenden Text bleiben konnte.
Rezension zu:
Queer, wild, wholesome und raffiniert erzählt
von nessabo, 26. Oktober 2026
Calla Henkel hat es drauf! Ich bin begeistert davon, wie unglaublich geschickt sie diese Geschichte erzählt hat - eine Geschichte rund um eine ungewöhnliche, aber genau deshalb so erstrebenswerte Familienkonstellation.
Zwei Paare ziehen in ein geerbtes Hotel in den Südstaaten und bauen nicht nur das wieder auf, sondern gründen auch eine Familie zusammen. Während Raul und Banners Beziehung anfangs recht leichtfüßig wirkt, gab mir die zwischen Valentine und Linh von Beginn an komische Abhängigkeitsvibes.
Das Faszinierende an Henkel ist aber, wie sie die Überzeugungen ihrer Lesenden immer wieder durcheinanderwirbelt. Wo Banner und Valentine erst überhaupt keine Sympathien füreinander hatten, finden sie später einen gemeinsamen Bezugspunkt. Valentine selbst mausert sich von einer anfangs unsympathischen, unzuverlässigen Figur zu einer vielschichtigen und emotional komplexen. Linh beschäftigt sich nicht nur mit der eigenen Familiengeschichte, sondern auch mit their Geschlechtsidentität. Wie toll da eine gewünschte Änderung von den anderen Familienmitgliedern umgesetzt wurde, war richtig herzerwärmend. Mensch merkt, dass die Autorin das Thema verstanden hat.
Der Spannungsaspekt speist sich nicht nur aus der Entführung des gemeinsamen Kindes, sondern vielmehr aus all den Geheimnissen, die jede einzelne Figur mit sich herumträgt. Das Buch ist in meinen Augen zwar kein Krimi, aber ein sehr spannungsvoller Roman mit hoher Detaildichte.
Geliebt habe ich auch die Erzählweise. Henkel verzichtet auf konkrete zeitliche Einordnungen, sondern flicht die Chronologie der Ereignisse organisch in die Perspektivenwechsel ein. Ich fand das Tempo damit durchgehend angenehm hoch. Immer wenn ich dachte, dass es nun doch etwas zu langsam wurde, legte die Autorin den nächsten Gang ein oder wechselte abrupt die Richtung.
Am Ende kommt so viel an die Oberfläche und doch verwehrt sich die Autorin auch da, jemals bei vermeintlich klaren Einordnungen stehenzubleiben. Ich wurde so oft überrascht und habe laufend meine Meinungen neu definiert. Alle scheinen mal mehr, mal weniger verdächtig, aufgelöst wird das Ganze meiner Meinung nach phänomenal. Damit geht dieser tolle queere Roman, der voller politischer Relevanz steckt, gleichermaßen aufregend wie alltäglich zu Ende.
Riesige Empfehlung für alle, die Freude haben an raffinierten Erzählungen und die sich in eine Familienutopie entführen lassen wollen, ohne sie zu romantisieren.
Rezension zu:
Zutiefst atmosphärisch, kämpferisch und anspruchsvoll
von nessabo, 26. Oktober 2026
Mein erster Roman von Jarka Kubsova war nicht unbedingt ein Spaziergang. Das atmosphärische Setting war beeindruckend, die Erzählweise hat mir aber viel Konzentration abverlangt und der erwartete Feminismus kam für mich überraschend spät.
Ich kann nach diesem Roman schon nachvollziehen, warum die Autorin ihre Fans hat. Sie hat zweifelsfrei ein Händchen für märchenhafte und mystisch angehauchte Geschichten. Obwohl ich Hexenelemente sehr mag, bin ich von den vielen Waldszenen nicht so überzeugt gewesen. Es ist sehr nachvollziehbar, warum sowohl Eliška als auch Viktorka so eine besondere und zugleich individuell verschiedene Beziehung zum Wald haben. Aber streckenweise war es mir doch etwas zu zäh.
Auch die Erzählart war wirklich anspruchsvoll. Nicht nur die Zeitebenen, sondern auch die Erzählperspektiven verschwimmen miteinander. Auch wenn das grundsätzlich gut geeignet ist, um die Parallelen der beiden Figuren aufzuzeigen, bevorzuge ich eine klare Abgrenzung. So musste ich mich schon sehr fokussieren, um nicht den Faden zu verlieren.
Toll fand ich wiederum die Schilderung einer Fluchtgeschichte aus Kinderperspektive. Die verlorene Sprache, verlorene Geschichten und Kultur - der Schmerz ist hier in jeder Zeile spürbar. Außerdem konnte ich so viel über tschechische Geschichte, eine Geschichte von Unterdrückung und Verdrängung, lernen. Und ebenso etwas über tschechische Märchen, die oft vergleichsweise schrecklich sind und sich nicht selten auf Mythen beziehen. Wiederholt tauchen da auch freiheitsliebende Frauenfiguren auf, die allerdings eher als verrückt oder böse interpretiert wurden.
Vor allem am Ende nahm der Roman für mich Fahrt auf. Ich fand es richtig gut, wie die Autorin schlussendlich Viktorka selbst ihre Geschichte von Trauma und Gewalt, aber auch Naturverbundenheit und Heilung erzählen lässt. Da endlich bekam ich dann auch, was ich viel früher erwartet hatte: eine starke, feministische Frauenfigur.
Mit guten Elementen und einem sehr hohen Anspruch ist das Werk sicher etwas für die Fans Kubsovas. Die düstere, mystische Atmosphäre hat nicht ganz meinen Geschmack getroffen und doch konnte ich so viel über tschechische Geschichte und Kultur lernen, dass ich die Lektüre als bereichernd empfunden habe.
Rezension zu:
Eine lebensnahe Geschichte über sich verändernde Freundinnenschaft
von nessabo, 17. Oktober 2026
Was für ein wundervolles Debüt! Jette Kötschau schreibt sanft, ehrlich und vielschichtig über drei Freundinnen, deren Erwachsenenleben sie voneinander entfernt hat. Sie legt dabei so einen liebevollen Fokus auf Freundinnenschaften, dass ich erfüllt und dankbar für meine Friends aus der Lektüre gehe.
Sprachlich ist der Roman zugänglich und angenehm nahbar gehalten. Die Perspektiven wechseln zwischen Merle, Henri und Katharina, die ihre 20er unbeschwert und ganz eng miteinander verbracht haben, nun aber zunehmend auseinanderdriften. Während Henri definitiv keine eigenen Kinder möchte und mit dem Tod ihrer geliebten Oma umgehen muss, struggeln Merle und Katharina mit dem Thema Mutterschaft. In Merles Fall zwar erfüllt, aber dafür mit einer Fülle an Überforderung, Einsamkeit und Frust ihrem oft abwesenden Partner gegenüber. Katharina wiederum versucht ihren Kinderwunsch mit einem Partner zu vereinen, der ihn nicht zu teilen scheint.
Die einzelnen Leben sind für sich stehend schon interessant, emotional greifbar und vielschichtig. Miteinander verbunden werden sie zu einem perfekten Leseerlebnis. Ob die subtile Unsicherheit den eigentlich so engen Freundinnen gegenüber, Neid angesichts des vermeintlichen Babyglücks oder dezentes Unverständnis - die emotionale Bandbreite dieses Romans ist immens.
Dabei verzichtet die Autorin offensichtlich nicht auf ernste Themen und Konflikte, lässt die Geschichte aber nie schwer werden. Denn in den dunklen Momenten treten immer Figuren auf, die einmal mehr unterstreichen, wie unermesslich wichtig Freund*innenschaften sind. Die ehrliche Reflexion darüber, dass sie sich im Laufe des Lebens auch verändern können, wir diesem Fakt aber nicht machtlos ausgeliefert sind, ist ein wichtiger Kern des Buches. Freund*innenschaften sind kein Nice-to-have, das von alleine funktionieren muss, sondern verdienen genauso viel Arbeit wie andere Beziehungen auch.
Eine unbedingte Empfehlung für diesen Roman, der mich eingesaugt, vorsichtig getragen und am Ende mit ganz warmem Herzen wieder ausgespuckt hat.
Rezension zu:
Für mich ein absolut überraschendes Highlight
von nessabo, 9. Oktober 2026
Historische Romane, die sich um die DDR drehen, reizen mich in der Regel nicht wirklich, weil mir die Zeit einfach fremd ist. Aber Anousch Mueller hat mich spätestens nach dem ersten Drittel in ihren Bann gezogen. Was für eine unglaublich detailliert recherchierte und gut geplottete Familiengeschichte!
Leni wächst als eines von 6 Kindern in einem außergewöhnlichen Setting auf: Ein verlassenes Bahnhofsgebäude im Thüringen der 80er/90er-Jahre ist das Zuhause der Familie. Die Mutter kommt anfangs nicht gut weg, wirkt wie eine Gebärmaschine, die sich stets nur um das jüngste Kind intensiv kümmert, während sie sich von den anderen distanziert. Der Vater wiederum ist ein absolutes Herz, ein Helfer in allen Lebenslagen. Dass es ein großes Geheimnis gibt, welches alle Familienmitglieder prägt, ist von Anfang an klar: Leni erinnert sich schemenhaft an ein weiteres Kind.
Was mir anfangs die Lektüre erschwerte, war die etwas sprunghafte Erzählstruktur. Die Autorin verwendet zwar Jahresangaben am Anfang der Kapitel, hält sich innerhalb dieser aber nicht immer daran. Das wird im weiteren Verlauf deutlich besser, Durchhalten lohnt sich also!
Ich bin beeindruckt von der massiven Rechercheleistung, die in diesen Roman geflossen sein muss. Etliche Male habe ich direkt nachgelesen, etwa wie es in der Cottbusser Innenstadt der 70er Jahre ausgesehen und was es mit dem beschriebenen Unglück auf sich hat. Die Autorin verpackt historisches, popkulturelles und literarisches Wissen so dicht, dass es manchmal fast zu viel wirkt, aber eben nur fast. Denn rund herum entspannt sich eine unglaublich spannende, sensible Familiengeschichte, die mich tief bewegt und die Faktendichte problemlos aufgelockert hat.
Mueller verbindet die DDR-Realität so geschickt mit der Familienbiografie, dass ich gespannt und bedrückt zugleich war, während sich beim Lesen unzählige Fragen aufgeworfen haben. Wie viel Schweigen hält eine Familie eigentlich aus? Wie tief wirkt das autoritäre System trotz aller Abneigung doch in eine Beziehung hinein? Und was machen die vielen Geheimnisse mit den Kindern? Besonders eindrücklich schildert die Autorin, was das innerfamiliäre Schweigen psychisch mit den Kindern anrichtet.
Die Auflösung am Ende ist grandios geschrieben, die Annäherung von Leni und ihrer Mutter glaubhaft. Die Entwicklung der Freundschaft zwischen Leni und ihrem besten Freund Lutz habe ich überhaupt nicht kommen sehen, sie hat mich erst schockiert und dann gebrochen. Mueller bleibt an den richtigen Stellen vage, sodass wir den Subtext über das eigene Fühlen verstehen müssen. Die zweite Hälfte konnte ich gar nicht mehr aus der Hand legen und habe bis tief in die Nacht hinein gelesen.
Ein wenig ziehe ich ab für die an manchen Stellen etwas zu akademische Sprache, welche die Geschichte gar nicht nötig hatte. Im weiteren Verlauf habe ich dann aber überhaupt nichts mehr zu meckern.
Damit große Empfehlung - ich habe bislang noch kein Buch gelesen, das auf so wenigen Seiten die Realität und Ambivalenz sowie das Trauma der DDR-Bevölkerung derart eindrücklich schildern und das auch noch mit einer individuellen, spannenden Familiengeschichte kombinieren konnte.
4,5 Sterne
Rezension zu:
Eine etwas schleppende Geschichte, die mich nicht ganz zufriedengestellt hat
von nessabo, 7. Oktober 2026
Die Bücher aus dem pola-Verlag machen Platz für progressive, weibliche Perspektiven. Und ich schätze das sehr, weshalb meine Erwartungen an dieses Debüt entsprechend hoch waren. So richtig konnten sie aber leider nicht erfüllt werden.
Eine Protagonistin Ende 30 finde ich erstmal toll! Diesem Alter fühle ich mich mit Mitte 30 deutlich näher als den unsicheren Zeiten der frühen 20er - auch wenn ich das nicht verallgemeinern möchte. Die Autorin sagt selbst, dass sie quasi ein Coming-of-Age für eine ältere Altersgruppe geschrieben hat. Diesem Anspruch ist sie wohl gerecht geworden, aber ich bin unsicher, ob das für mich so funktioniert.
Das sehr chaotische Leben Kathas war dabei noch weniger mein Problem. Auch Menschen in ihren 30ern dürfen noch mit ihrem Alltag struggeln und sich unsicher in Bezug auf das eigene Selbst fühlen. Was mir aber bitter aufgestoßen ist, gerade für einen eigentlich progressiv angelegten Roman, ist die ständige Abwertung anderer Frauen. Erschreckend viel Raum nimmt das unermüdliche Vergleichen und Konkurrieren mit Kathas weiblichen Geschlechtsgenossinnen ein. Daraus hätte die Autorin sogar auch noch etwas machen können, denn wir tragen diesen Reflex schließlich alle in uns. Aber dafür hat mir am Ende doch die Selbstreflexion gefehlt, das Verhalten bleibt umkommentiert stehen. Und ich möchte mittlerweile einfach nicht mehr davon lesen, wie Frauen in vermeintlicher Konkurrenz zueinander stehen, sondern ihre gelebte Solidarität sehen.
Die komplizierte Beziehung zwischen Katha und ihrer Mutter steht im Zentrum der Geschichte. Anfangs war ich da auch noch optimistisch, dass es zu einer glaubhaften Beziehungsentwicklung kommt, aber so richtig konnte das nicht erfüllt werden. Die beiden geraten so oft aneinander, scheinen dann in den Dialog zu kommen, nur um doch wieder abzubrechen. Und dann auf einmal, kurz vor Ende, gelingt das tiefgründige Gespräch doch noch. Das kam mir leider etwas konstruiert vor, obwohl ich die grundsätzlichen Themen so toll fand - z. B. „Regretting Motherhood“ und dass es eben nicht bedeutet, das eigene Kind nicht zu lieben, sondern einfach die gesellschaftliche Mutterrolle. Auch postpartale Depressionen sollten viel öfter in moderner Literatur Platz finden.
In dieser konkreten Beziehung fand ich es zudem besonders problematisch, wie Katha an einer Stelle ihre Mutter regelrecht drängt, Alkohol zu trinken, obwohl diese für mich relativ deutlich kommuniziert, dass sie das nicht möchte. Auch der Ansatz, dass Alkohol notwendig ist, um tiefe Gespräche führen zu können, ist keiner, den ich in Büchern mag.
Ich bleibe damit ernüchtert zurück und fand den Roman dem Titel entsprechend gewöhnungsbedürftig. Für mich hätte es mehr sensiblen Tiefgang und eine glaubhaftere Figurenentwicklung geben dürfen. Bruno war ein sanfter Lichtblick und auch für die angeschnittenen Themen spreche ich ein Lob aus, aber so wirklich packen wollte mich das Buch nicht.
3,5 Sterne
Rezension zu:
Modern, feministisch und spannend - ohne gruselig zu sein
von nessabo, 7. Oktober 2026
Ich könnte wohl kaum weiter von einer Thrillerleserin entfernt sein! Ich hasse explizite Gewaltschilderungen und gruselige Szenen, manchmal kann ich schon bei spannender Fantasy nicht mehr schlafen. Aber „Dead Air“ habe ich auf Empfehlung gelesen und kann diese nur weitergeben - gerade für alle sensiblen Gemüter, die nicht auf unterhaltsame Spannung und Miträstelspaß verzichten wollen.
Josi Wismar schreibt zugänglich und legt vor allem bei ihren weiblichen Figuren Wert auf Vielschichtigkeit. Auch wenn die Figuren alle auf den ersten Blick nicht unbedingt Sympathieträgerinnen sind, fand ich sie glaubhaft und begann sie im weiteren Verlauf zu mögen. Das Setting des TrueCrime-Podcasts ist modern, sogar die Kritik daran wird aufgegriffen - wenn auch nur leise.
Beim Lesen wurde ich wunderbar unterhalten, die Seiten flogen nur so dahin. Auch wenn ich die Annotationen im Manuskript nicht ganz natürlich fand und die wiederholten Andeutungen aller Figuren mir gegen Ende etwas zu viel wurden, habe ich im Kopf fleißig mitgerätselt. Die verschiedenen Textformen (Kommentare, Manuskript, Blogbeiträge, etc.) sorgen für Abwechslung in der Lektüre und haben mein Lesetempo nur noch einmal erhöht.
Einen besonderen Pluspunkt bekommt Wismar von mir für ihre explizit feministische Positionierung. Nicht nur hat Female Rage immer wieder Platz in dieser Geschichte, die Autorin stellt auch dar, wie es als Frau so ist in dieser Welt - online wie offline. Und dass sie das Ganze einrahmt mit ganz toller solidarischer Freundinnenschaft, hat mich vollends glücklich gemacht.
Ich empfehle den Roman also von Herzen gern. Allerdings kann ich die Kritik daran, in welchem Genre das Buch vermarktet wird, gut verstehen. Auch wenn ich keine Thriller lese, kam es mir hier schon wenig thrillerhaft vor. Für mich war das genau richtig, die Geschichte geht tiefer als ein gruseliger Kriminalfall. Aber mensch sollte auf jeden Fall mit den entsprechenden Erwartungen an diese Lektüre herangehen.
Rezension zu:
Herzerwärmende Geschichte mit markantem Ton
von nessabo, 4. Oktober 2026
Selten bin ich einer so besonderen, markanten Sprache in einem Roman begegnet. Und entgegen leiser Zweifel konnte ich unglaublich gut in die Geschichte einfinden. Abgesehen von ein paar Längen im weiteren Verlauf hat mir der Roman damit eine wirklich einzigartige Lektüre beschert.
Tibb ist eine Landstreicherin zu Tudor-Zeiten. Gleich zu Beginn verliert sie ihre Mutter und ist von da an als Teenagerin auf sich allein gestellt. Immer wieder macht Rosanna Pike deutlich, wie hart die Zeiten im spätmittelalterlichen England waren - insbesondere für Frauen und alle Menschen, die irgendwie anders sind. Dabei schafft sie es, die Zustände authentisch abzubilden, ohne dass ich mich beim Lesen zu sehr im Elend der Zeit verloren hätte.
Dafür setzt sie auf eine Sprache, wie ich sie noch nie gesehen habe. Obwohl wir Tibb über längere Zeit hinweg begleiten und sie auf jeden Fall irgendwann erwachsen ist, verbleibt die Ich-Erzählerin in einem kindlich-naiven Ton. Das ist gewagt und trifft sicherlich auch nicht jeden Geschmack, aber die Wirkung ist unvergleichlich. Tibb kann damit unabhängig von ihrem Alter schrecklichste Dinge nicht nur benennen, sondern auch mit der Klarheit eines neugierigen Kindes infrage stellen. Ob die Glorifizierung der Kirche, misogyne Gewalt und Denkmuster oder die absolute Abwertung homosexueller Menschen - diese Geschichte ist politisch!
Die Protagonistin ist mit ihrer Kindlichkeit nicht immer ganz greifbar und manchmal war sie mir auch zu naiv, aber überwiegend habe ich Tibb sehr gemocht. Denn die Frage ist ja wirklich, warum Menschen einem Prediger bzw. einer Instanz wie der Kirche einfach Glauben schenken, ohne selbst nachzudenken, ob die Liebe zwischen zwei Männern denn wirklich so ein Problem darstellt. Obwohl die Geschichte so weit in der Vergangenheit spielt, könnte sie meiner Meinung nach aktueller nicht sein.
Die titelgebende Schwindelei baut sich erst im letzten Drittel so richtig auf und ist dabei so temporeich wie intensiv. Während mich das durchaus gepackt hat, hatte die Geschichte insgesamt auch immer mal langatmigere Passagen. Die konnten aber mit viel Herzenswärme von Tibb ihren Mitmenschen gegenüber, aber auch zwischen den Nebenfiguren gut aufgewogen werden.
Es gibt nicht oft sprachliche Innovationen und die sind auch nicht immer etwas Gutes. Hier sehe ich aber einen literarischen Mehrwert, der die Aufmerksamkeit verdient hat. Mit ein paar Abstrichen für gewisse Längen empfehle ich diesen so besonderen historischen Roman gern und denke, dass wir alle von Tibbs Menschlichkeit lernen können.
4,5 Sterne
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