Dark Fantasy, die unter die Haut geht
von JennifersBooks, 15. Juni 2026
Ich gebe dem Buch 4.5 Sterne!
"Anathema" trägt seinen Titel nicht zufällig. Das altgriechische Wort steht für "Kirchenbann" oder "Verfluchung" und passt perfekt zu der düsteren, bedrückenden Atmosphäre, die Keri Lake von der ersten Seite an entfaltet. Im Mittelpunkt steht Maevyth, die in Foxglove Parish als Verfluchte gilt, weil sie als Baby mit einer schwarzen Rose auf der Brust ausgesetzt wurde. In einer fanatisch religiösen Dorfgemeinschaft ist das ein Makel, der sie ihr ganzes Leben begleitet. Sie wächst als Außenseiterin auf, wird misstrauisch beäugt, verurteilt und kontrolliert. Und trotzdem bleibt sie klug, wachsam und rebellisch genug, um die Glaubenssätze ihrer Umgebung zu hinterfragen. Von Anfang an war sie mir sympathisch, gerade weil sie sich ein dickes Fell zulegen musste und dennoch nie völlig abstumpft.
Erst in Aethyrien beginnt Maevyth, ihre wahre Stärke zu entdecken. Dort lernt sie, ihre Magie zu nutzen, Glyphen zu wirken und sich gegen eine Welt zu behaupten, die sie kleinhalten will. Gleichzeitig umgeben sie zahlreiche Geheimnisse, besonders jene, die ihre Herkunft betreffen. Es war unglaublich spannend, ihre Entwicklung Schritt für Schritt mitzuerleben, während sie langsam begreift, wer sie wirklich ist – und welche Macht in ihr schlummert.
Besonders beeindruckt hat mich der Weltenaufbau. Mortasia, der Kontinent der Sterblichen, und Aethyrien, die magische Seite, sind durch den Umbravale getrennt – eine Barriere, die kein Sterblicher überqueren sollte. Dazwischen liegen die Eating Woods, ein Wald voller Monster und Dämonen, der seinen Namen absolut verdient. Die Welt ist riesig, düster und voller Details, und ich war mehr als einmal dankbar für die detaillierte Karte und das umfangreiche Glossar. Begriffe werden zwar im Text erklärt, aber das Nachschlagen hat mir geholfen, die vielen Völker, Glyphen und Gottheiten besser einzuordnen.
Was mich besonders getroffen hat, ist die Art und Weise, wie beide Kontinente Frauen behandeln. In Foxglove Parish herrscht ein brutaler religiöser Fanatismus, der Frauen systematisch unterdrückt und ihnen jegliche Selbstbestimmung nimmt. Ein einziger Fehltritt kann zur Verbannung in die Eating Woods führen. Auf der magischen Seite sieht es kaum besser aus. Frauen dürfen zwar Titel tragen, doch spätestens bei der widerlichen Volljährigkeitszeremonie, bei der der stärkste Kämpfer die Entjungferung als „Belohnung“ erhält, wird klar, wie tief die Misogynie auch dort verwurzelt ist. Die Szene rund um die Prinzessin von Nyxteros war für mich einer der Momente, in denen mir wirklich schlecht wurde - und gleichzeitig wird klar, wie unerbittlich Keri Lake die dunklen Seiten ihrer Welt herausarbeitet.
Inmitten all dieser Grausamkeit taucht Zevander auf, ein Attentäter, der Skorpione befehligt und zunächst wie ein weiterer grausamer Bewohner dieser Welt wirkt. Doch unter seiner harten Schale steckt ein weicher Kern, und gerade seine Abneigung gegenüber dem König und den Adeligen macht ihn zu einem der wenigen Männer, bei denen man ein gutes Gefühl hat. Besonders im Umgang mit Maevyth zeigt sich seine vorsichtige, respektvolle Seite, die sich erst nach und nach offenbart. Die Romanze zwischen den beiden ist ein Slow Burn, wie ich ihn liebe. Die Anziehung ist spürbar, aber beide wehren sich lange dagegen. Der erste Kuss kommt erst nach gut zwei Dritteln des Buches, und intime Szenen gibt es erst ganz am Ende – und selbst dann gehen sie nicht aufs Ganze, was mit Zevanders Besonderheiten zusammenhängt.
Ein weiterer Aspekt, der das Buch für mich so lebendig gemacht hat, waren die Nebencharaktere. Von jeder Sorte ist jemand dabei – und das im besten wie im schlimmsten Sinne. Maevyths naive, unbeschwerte Schwester Aleysia bringt Licht in eine ansonsten hoffnungslose Welt, während Zevanders Schwester durch Maevyths Einfluss langsam wieder aufblüht und zeigt, wie viel Heilung in kleinen Gesten liegen kann. Zevanders verfluchter Bruder, den Maevyth nicht als Monster, sondern als Person sieht, gehört zu den berührendsten Figuren des Buches. Gleichzeitig gibt es Zevanders Attentäter‑Freunde, die trotz ihrer Brutalität eine unerwartete Loyalität ausstrahlen. Und dann sind da noch Maevyths eigene Familienmitglieder und ihr Verlobter – Figuren, die so verstörend, grausam und abgründig sind, dass mir beim Lesen mehr als einmal eine eiskalte Gänsehaut über den Rücken gelaufen ist. Einige Szenen mit ihnen gehören zu den grauslichsten Momenten des gesamten Buches.
Inhaltlich hat mich das Buch von der ersten Seite an gefesselt, aber ein paar kleine Kritikpunkte gab es dennoch. Die Welt ist groß und atmosphärisch beschrieben, doch im mittleren Teil verbringt Maevyth sehr viel Zeit auf der Burg Eidolon. Und so eindrucksvoll dieser Schauplatz auch ist, irgendwann stößt die Beschreibung einer einzigen Burg an ihre Grenzen. Stattdessen rücken die Beziehungen und Dynamiken der Figuren stärker in den Vordergrund. Das ist grundsätzlich stimmig und unterstreicht Maevyths Isolation und ihre ausweglose Situation, sowie ihr langsames Herantasten an ihre Magie, aber an einigen Stellen fühlte es sich etwas langatmig an.
Der zweite Kritikpunkt betrifft den Klappentext. Dort wird suggeriert, dass Maevyth in den Wald flieht, Zevander dort begegnet und beide gemeinsam versuchen müssen zu überleben. Das klingt spannend – hat aber mit der tatsächlichen Handlung kaum etwas zu tun. Ja, die Eating Woods spielen eine Rolle, und Maevyth ist mehrmals im Wald unterwegs, aber nie gemeinsam mit Zevander. Die beiden treffen sich in Foxglove Parish und verbringen später Zeit in einer Hütte am Waldrand, doch ihre gemeinsame Reise führt sie ausschließlich nach Aethyrien, also hinter den Umbravale und weit weg vom Wald. Während des Lesens wartet man ständig darauf, dass die beiden gemeinsam in die Eating Woods müssen – doch dieser Moment kommt nie. Das hat mich ehrlich gesagt geärgert, weil der Klappentext Erwartungen weckt, die das Buch nicht erfüllt. Diese beiden Punkte waren letztlich der Grund, warum ich meine Bewertung von fünf auf 4.5 Sterne gesetzt habe.
Fazit: "Anathema" ist eine kompromisslose Dark Fantasy voller Gothic‑Atmosphäre und deutlichen Horrorelementen, die ihre Welt ebenso schonungslos zeigt wie ihre Figuren. Es ist ein düsteres, komplexes und verstörend faszinierendes Buch, das sich Zeit nimmt, seine Welt zu entfalten, und das mit einer starken Protagonistin, intensiven Nebenfiguren und einer tiefen Slow‑Burn‑Romance überzeugt. Trotz kleiner Schwächen bleibt es für mich ein echtes Highlight.
Rezension zu:
Fantastisches Debüt der Autorin
von JennifersBooks, 3. Juni 2026
"Weavingshaw" ist für mich ein Auftakt, der lange nachhallt. Heba AlWasity erschafft eine Welt, die nicht nur düster wirkt, sondern durch ihre vielen Ebenen unglaublich real erscheint. Der Gothic-Vibe liegt über jeder Szene, ohne jemals übertrieben zu wirken. Bürgerkriege, Armut und Gewalt bestimmen den Alltag und gleichzeitig fließen Themen wie Migration, Asyl und kulturelle Konflikte so fein und unaufdringlich ein, dass man sie erst nach und nach bewusst wahrnimmt. Genau das macht diese Welt für mich so stark: Sie ist bedrückend, glaubwürdig und voller Zwischentöne. Der Fantasy-Aspekt mit Dämonen und Geistern verstärkt die düstere Stimmung zusätzlich und sorgt dafür, dass die Geschichte immer spannend bleibt.
Leena habe ich sofort ins Herz geschlossen. Sie ist klug, stur, loyal und hat eine Art, Dinge zu hinterfragen, die ich sehr mochte. Besonders gut fand ich, dass sie St. Silas anfangs misstraut und versucht, Abstand zu halten. Sie bleibt meist standhaft, lässt sich nicht einschüchtern und hält an ihren Prinzipien fest auch wenn sie sich über St. Silas, ihren Bruder oder ihren Vater manchmal so sehr ärgert, dass man sie nur zu gut versteht. Diese Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit macht sie für mich zu einer der greifbarsten Figuren, die ich seit Langem gelesen habe.
St. Silas wirkt zu Beginn wie jemand, der nichts an sich heranlässt. Kühl, kontrolliert, fast unnahbar. Doch je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wird, dass hinter dieser Fassade viel mehr steckt. Die kleinen Einblicke in seine Vergangenheit, die man nur häppchenweise bekommt, haben mich jedes Mal neugierig gemacht. Und ich mochte sehr, wie vorsichtig er sich Leena öffnet - und wie sehr sie ihn aus dem Gleichgewicht bringt, ohne es selbst zu merken.
Die Liebesgeschichte zwischen den beiden ist für mich eines der Highlights. Sie entwickelt sich langsam, glaubwürdig und ohne künstliche Dramatik - Slow Burn in seiner besten Form. Die Spannung entsteht durch Blicke, kleine Gesten, Schlagabtausche und unausgesprochene Gedanken. Es gibt keine unnötigen spicy Szenen, die den Fluss der Handlung stören würden. Stattdessen wächst etwas, das sich echt anfühlt. Besonders schön fand ich, dass Leena mehr Einfluss auf St. Silas hat, als beide wahrhaben wollen.
Die wechselnden Perspektiven von Leena und St. Silas runden die Geschichte für mich ab, und auch Nebenfiguren wie Leenas Bruder Rami oder Bösewicht Lord Hargreaves bekommen Raum. Diese zusätzlichen Stimmen zeigen, wie vielschichtig die Welt ist, und geben Einblicke in Konflikte, die weit über die persönliche Ebene hinausgehen. Das Ende ist ein echter Cliffhanger, der an der denkbar gemeinsten Stelle abbricht. Bis Band 2 erscheint, dauert es noch neun Monate (ET: 25.02.2027) - aber ich warte gern, um wieder in diese fantastisch düstere Welt einzutauchen.
Fazit: "Weavingshaw" ist ein atmosphärisch dichter Reihenauftakt, der mich mit seiner Welt, seinen Figuren und seiner ruhigen, aber intensiven Erzählweise vollkommen überzeugt hat. Die Mischung aus düsterer Stimmung, gesellschaftlichen Untertönen und einer fein aufgebauten Slow-Burn-Romance hat für mich genau die richtige Tiefe. Ein absolut gelungenes Debüt, das mich sehr neugierig auf den nächsten Teil macht.
Rezension zu:
Für mich eher 2.5 Sterne!
von JennifersBooks, 29. Mai 2026
Schon beim ersten Blick hat mich der Farbschnitt mit der schwarzen Katze in dieser Buntglasfenster‑Optik begeistert. Solche liebevollen Details ziehen mich sofort an, und auch die Grundidee mit den Seelentieren und der magischen Tiermedizin klang nach etwas Besonderem. Der Einstieg hat mir dann wirklich gut gefallen: Gwen, die angehende Tierärztin, rettet gleich zu Beginn den alten, mürrischen Kater Percy – ein Seelentier, das schon einiges hinter sich hat. Dass sie dabei bewusst gegen Regeln verstößt, hat sie mir sofort sympathisch gemacht. Sie wirkt ehrgeizig, aber gleichzeitig verletzlich, weil sie so hart arbeitet, um später ihre Familie zu unterstützen, die ständig um ihr kleines Restaurant kämpfen muss.
Harrisford dagegen war für mich von Anfang an ein rotes Tuch. Sein arrogantes Auftreten, sein Status als reicher Sohn und dann diese abwertenden Aussagen über Gwen als „Abschaum aus der Unterschicht“ – das hat ihn für mich als Love Interest komplett disqualifiziert. Auch die Kapitel aus seiner Sicht konnten daran nichts ändern. Seine Erklärungen wirkten eher wie Ausflüchte, und die Art, wie er Gwen behandelt, hat mich emotional komplett rausgeworfen.
Trotzdem wollte ich weiterlesen, weil mich das Magiesystem und die Seelentiere wirklich interessiert haben. Umso enttäuschender war es, dass die magische Welt insgesamt erstaunlich blass bleibt. Die Tiermedizin, die Seelentiere, all das, was eigentlich den Kern der Geschichte ausmachen sollte, bekommt viel zu wenig Raum. Stattdessen gibt es Beschreibungen von London, der Gala oder der Umgebung, die zwar solide sind, aber den Zauber dieser Welt nicht wirklich transportieren. Die Zentauren und ihre Sternendeutungen erinnerten mich zusätzlich stark an Harry Potter, ohne dass daraus etwas Eigenständiges entsteht.
Auch die Romanze hat für mich überhaupt nicht funktioniert. Zwischen Gwen und Harrisford entsteht keine echte Verbindung. Ihr Misstrauen bleibt bestehen, und die körperlichen Momente wirken eher wie ein Fremdkörper in der Handlung. Die Rivalität der beiden bleibt ebenfalls blass – abgesehen von der Punktevergabe am College, die Gwen unbedingt gewinnen wollte, spürt man kaum Reibung. Plötzlich arbeiten sie zusammen, brechen sogar gemeinsam ein, als wäre nie etwas gewesen. Da fehlte mir einfach Intensität: echte Schlagabtausche, Reibung, Funken. Und nur weil eine Sexszene vorkommt, wird daraus noch lange keine spicy Romance.
Erst gegen Ende zieht die Spannung etwas an, aber nach fast 400 Seiten reicht das für mich nicht aus, um die Geschichte noch zu retten. Das offene Ende – typisch für eine Dilogie – hat mich auch nicht neugierig auf Band 2 gemacht. Da der zweite Teil wohl erst 2028 erscheint, werde ich die Reihe nicht weiterverfolgen. Dafür hat mich die Handlung insgesamt zu wenig mitgerissen.
Am Ende bleibt für mich ein Buch mit einer starken Grundidee, einem wunderschönen Farbschnitt und einem gelungenen Einstieg, das sein Potenzial aber nicht ausschöpft. Die Welt hätte größer, magischer und lebendiger sein können, und die Beziehung der Protagonisten hat mich emotional komplett kaltgelassen.
Fazit: Ein atmosphärischer Anfang und eine spannende Idee, die sich leider nicht entfalten. Zu wenig Tiefe, zu wenig Magie, eine Romanze ohne Funken – für mich solide, aber nicht überzeugend.
Rezension zu:
Charmante Chaos‑Romance
von JennifersBooks, 25. Mai 2026
Das Cover von "Worst Date Ever" hat mich sofort neugierig gemacht, und Geschichten, in denen Figuren beruflich mit Büchern arbeiten, haben für mich ohnehin einen besonderen Reiz. Umso spannender fand ich es, dass Kasie West hier ihr erstes Buch für Erwachsene vorlegt. Man merkt allerdings schnell, dass sie aus dem Young‑Adult‑Bereich kommt: Der Ton ist locker, die Figuren sind sympathisch, aber eher zurückhaltend gezeichnet.
Margot mochte ich trotz - oder gerade wegen - ihres Chaosfaktors. Sie ist fast dreißig, wirkt aber oft erstaunlich naiv und lässt sich viel zu leicht von ihrem Chef überrumpeln oder von ihrer Schwester kleinmachen. Das hat Charme, wurde aber stellenweise anstrengend. Besonders, wenn man bedenkt, dass Oliver angeblich ihr „schlechtestes Date“ gewesen sein soll - eine gewagte Behauptung, wenn man ihre Begegnungen mit Mr. Gabelfaust oder Rob betrachtet. Zum Glück gibt es Sloane, die ihr immer wieder den Kopf zurechtrückt und für etwas Bodenhaftung sorgt.
Oliver ist das komplette Gegenstück zu Margot: organisiert, kontrolliert, gesundheitsbewusst, fast schon zu perfekt. Er ist freundlich, verlässlich und keineswegs toxisch, aber dieses Prince‑Charming‑Gefühl war mir manchmal etwas zu glatt. Die Liebesgeschichte entwickelt sich langsam und bleibt eher seicht. Während Margot am liebsten sofort loslegen würde, besteht Oliver auf einer ruhigen Kennenlernphase - was immerhin zu einigen wirklich witzigen, spritzigen Dialogen führt. An diesen Stellen kommt die Rom‑Com‑Stimmung besonders gut durch.
Sehr gelungen fand ich die Dynamik zwischen Margot und Oliver. Die Chemie zwischen den beiden ist spürbar, auch wenn sie sich das selbst lange nicht eingestehen wollen. Ebenso stark waren die Einblicke in die Arbeit der Literaturagenten, die lebendig, anschaulich und überraschend interessant beschrieben sind. Besonders Margots Entwicklung hat mich überzeugt: Wie sie endlich ihrem Chef und ihrer Schwester die Stirn bietet und für ihre eigenen Ziele einsteht, gehört zu den stärksten Momenten des Buches. Das kleine Drama mit Oliver wirkte zwar etwas unnötig, hat aber immerhin dazu geführt, dass Margot klar Position bezieht, weil ihr etwas wirklich wichtig ist.
Insgesamt ist "Worst Date Ever" ein angenehmer, unterhaltsamer Roman, den ich gern gelesen habe. Nicht alles bleibt lange im Gedächtnis, aber Humor, Buchbranche‑Setting und eine chaotische Heldin ergeben eine stimmige Mischung.
Fazit: Ein leichter Wohlfühlroman mit charmanten Figuren, humorvollen Dialogen und einem schönen Blick hinter die Kulissen der Literaturwelt.
Rezension zu:
Julian darf er selbst sein
von JennifersBooks, 22. Mai 2026
“Julian ist eine Meerjungfrau” von Jessica Love hat mich sofort angesprochen - zuerst wegen des Titels, dann wegen des Klappentextes und schließlich wegen der Illustrationen, die schon auf den ersten Blick eine besondere, warme Stimmung erzeugen. Die Geschichte um den kleinen Jungen Julian, der Meerjungfrauen über alles liebt, hat mich tief berührt. Als er im Zug drei als Meerjungfrauen verkleidete Frauen sieht, beginnt für ihn ein inneres Leuchten, das sich durch das ganze Buch zieht. Seine Fantasie, seine Kreativität und sein Mut, sich selbst auszudrücken, sind so liebevoll dargestellt, dass man ihn sofort ins Herz schließt.
Besonders eindrucksvoll ist die Szene, in der Julian sich mit einer Gardine und Topfpflanzen ein eigenes Meerjungfrauenkostüm bastelt. Man spürt seine Freude, aber auch seine Unsicherheit, als die Oma ihn entdeckt. Für einen Moment glaubt man, dass er Ärger bekommt – und genau hier setzt das Buch ein Zeichen, das wichtiger kaum sein könnte. Die Oma reagiert nicht mit Ablehnung, sondern mit Wärme, Verständnis und echter Unterstützung. Sie schenkt ihm sogar eine ihrer Perlenketten, damit sein Kostüm vollständig wird und nimmt ihn mit zu einer Parade, bei der alle Menschen als Meereswesen verkleidet sind. Dort kann Julian ganz er selbst sein und sich zugehörig fühlen.
Was dieses Bilderbuch zusätzlich so besonders macht, ist die Tatsache, dass es nur sehr wenig Text enthält. Die Illustrationen tragen die Handlung fast vollständig und erzählen Julians Geschichte auf eine Weise, die ohne viele Worte auskommt. Die Bilder sprechen für sich, transportieren Emotionen, Atmosphäre und Botschaft mit einer Klarheit, die man nicht erklären muss. Gerade dadurch entsteht diese stille, eindringliche Wirkung, die lange nachhallt.
Es sind die feinen Untertöne, die das Buch so wertvoll machen. Die Botschaft, dass auch Jungen Meerjungfrauen, Verkleidungen und Schminke mögen dürfen, ist so selbstverständlich und gleichzeitig so notwendig. Noch immer ordnet die Gesellschaft solche Dinge überwiegend Mädchen zu und stempelt Jungen, die sie mögen, als Außenseiter ab. Jessica Love zeigt, wie falsch und verletzend das ist – und wie viel Selbstvertrauen Kinder entwickeln können, wenn man ihnen vermittelt, dass sie richtig sind, genauso wie sie sind. Die Bilder, wie Julian stolz und lächelnd neben seiner Oma durch die Stadt läuft, gehören für mich zu den schönsten Momenten des Buches.
Ein wunderbares Detail ist die reale Inspiration der Parade im Buch: die “Coney Island Mermaid Parade”, die jedes Jahr zur Sommersonnenwende in Brooklyn stattfindet. Die Kostüme dort sind genauso farbenfroh, fantasievoll und kunstvoll wie im Buch - ein Fun Fact, der die Geschichte noch lebendiger macht.
Die Illustrationen von Jessica Love machen das Buch zu einem visuellen Erlebnis. Die erdigen Hintergründe lassen die farbigen Akzente leuchten, ohne jemals aufdringlich zu wirken. Die Bilder strahlen Ruhe aus, erzeugen ein echtes Wohlgefühl und transportieren gleichzeitig so viele Emotionen. Die vielen kleinen Details - Julians Meerjungfrauenbuch im Zug, der wechselnde Ausblick aus dem Fenster, die Verwandlung des Hauseingangs von schlicht zu farbenfroh - zeigen, wie viel Liebe in jedem Strich steckt. Auch die Kostüme der Parade sind traumhaft gestaltet und laden dazu ein, jedes Bild länger zu betrachten.
Fazit: Ein wunderschönes, warmherziges Bilderbuch über Akzeptanz, Diversität und Individualität, das mit wenigen Worten und starken Bildern zeigt, wie viel es bewirken kann, wenn Kinder einfach sein dürfen, wer sie sind. Für mich ein wunderbares Kinderbuch über Diversität.
Rezension zu:
Coming-of-Age mit Stolpersteinen
von JennifersBooks, 16. Mai 2026
Ein Buch über das erste Mal, die erste Beziehung und all die kleinen und großen Schritte ins Erwachsenwerden aus der Sicht eines Jungen – das hat mich bei „24 Sekunden ab jetzt“ sofort neugierig gemacht. Diese Perspektive bekommt man im Jugendbuchbereich noch immer viel zu selten, und genau deshalb fand ich den Ansatz zunächst erfrischend. Neo erlebt all die typischen „ersten Male“: erste Beziehung, erster Kuss, erstes Rummachen, Schulabschluss, Unsicherheiten, Erwartungen, Überforderung. Vieles davon wirkt authentisch, gerade weil es aus einem männlichen Blickwinkel erzählt wird, der sonst oft nur am Rand vorkommt.
Trotzdem hatte ich Mühe, emotional wirklich anzudocken. Der Schreibstil ist sehr abgehackt, oft bestehen ganze Abschnitte aus einzelnen Wortgruppen, die durch Punkte getrennt sind. Gleich auf der ersten Seite steht: „Heute Abend. Geht es. Um uns. Aria und mich. Mich und Aria. Heute Abend. Geht es. Um die Gewinner des ultimativen Superlativs.“ Vielleicht soll das Nervosität ausdrücken oder die Gefühlswelt eines Jungen spiegeln, der sich zum ersten Mal so richtig verliebt hat. Für mich hat es jedoch eher Distanz geschaffen. Ich musste viele Sätze mehrfach lesen, um überhaupt in die Handlung hineinzufinden, und das hat meinen Lesefluss immer wieder gebremst.
Dabei gibt es durchaus schöne, glaubwürdige Szenen: das Chaos einer Familie in einem Mehrgenerationen-Haushalt, peinliche Aufklärungsgespräche mit den Eltern, die typischen Gruppendynamiken an einer Schule – Nerds, Sportler, Künstler, alles ist da. Aber vieles bleibt an der Oberfläche. Gedanken und Handlungen werden häufig wiederholt, sodass sich die 192 Seiten manchmal länger anfühlen, als sie sind. Mit weniger Wiederholungen oder einem emotional zugänglicheren Stil hätte die Geschichte für mich deutlich stärker gewirkt.
Verwirrend fand ich außerdem die rückwärts erzählte Beziehung: vom Moment vor dem Spiegel zurück bis zum Kennenlernen zwei Jahre zuvor. Grundsätzlich mag ich ungewöhnliche Erzählstrukturen, aber hier hat es für mich nicht richtig funktioniert. Eine chronologische Entwicklung – der Moment vor dem Spiegel, dann ein Sprung zum Kennenlernen bis zurück zu diesem 24‑Sekunden‑Moment – hätte die Handlung runder gemacht und vermutlich auch einige Wiederholungen überflüssig werden lassen.
Fazit: "24 Sekunden ab jetzt" hat ein spannendes, wichtiges Thema und zeigt eine Perspektive, die im Jugendbuchbereich viel öfter vorkommen dürfte. Doch der abgehackte Stil und die fehlende emotionale Tiefe haben mich persönlich nicht so abgeholt, wie ich es mir gewünscht hätte. Eine gute Idee, die erzählerisch für mich nicht ganz ausgeschöpft wurde.
Rezension zu:
Ein Sommerroman, der mitten ins Herz trifft
von JennifersBooks, 13. Mai 2026
Sommerromane haben für mich gerade einen ganz besonderen Reiz. Vielleicht liegt es am sonnigen Wetter, vielleicht daran, dass man endlich wieder gemütlich auf der Terrasse lesen kann - aber "Last Kiss of Summer" hat mich schon mit seinem Cover sofort eingefangen. Der rosa getönte Himmel, das Meer im Hintergrund, die Figuren in sommerlicher Kleidung: All das versprach Leichtigkeit, Wärme und eine klassische Young-Adult-Romance mit Friends-to-Lovers und Second-Chance Tropes. Zwei beste Freunde aus Kindheitstagen, erste Liebe, Missverständnisse, ein wahrscheinliches Happy End - was sollte da schon schiefgehen? Wie sich herausstellt: sehr viel mehr, als man erwartet.
Denn diese Geschichte besitzt eine Tiefe, die man dem Cover und dem Klappentext nicht ansieht. Ich habe gelacht, mitgefiebert und seit Langem nicht mehr so sehr bei einem Buch geweint. Taschentücher sind beim Lesen definitiv Pflicht. Gleichzeitig möchte ich gar nicht zu viel über die Handlung verraten, denn schon kleine Details könnten Wendungen vorwegnehmen, die ihre volle Wirkung nur entfalten, wenn man sie selbst erlebt.
Sera und Luke sind zwei Figuren, die sich sofort echt anfühlen. Ihre Gefühlswelt ist feinfühlig, nachvollziehbar und manchmal schmerzhaft authentisch. Beide tragen ihre eigenen Lasten mit sich herum, beide verheimlichen einander Dinge, obwohl sie beste Freunde sind - und genau daraus entstehen die Konflikte. Sie reagieren wie 18-Jährige nun einmal reagieren: impulsiv, eifersüchtig, unsicher, manchmal verschlossen. Ja, manches Drama hätte sich mit Ehrlichkeit vermeiden lassen, aber dann wäre es kein Jugendroman, sondern eine Therapiesitzung.
Besonders beeindruckt haben mich die unerwarteten Wendungen. Ich war fest überzeugt, die Richtung der Geschichte zu kennen, doch sie hat mich mehrfach überrascht - und genau das hat sie für mich in den 5-Sterne-Bereich katapultiert. Es ist lange her, dass mich ein Buch so sehr mitgerissen hat, dass ich es an einem Tag durchgelesen habe. Dieses hat es mühelos geschafft. Und das Ende ist auf seine ganz eigene Art wunderschön, bittersüß und absolut tränenreich.
Fazit: "Last Kiss of Summer" ist weit mehr als eine sommerliche Young-Adult-Romance. Es ist eine emotionale Achterbahnfahrt über Freundschaft, Verlust, erste Liebe und den Mut, offen mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Ein Buch, das man nicht nur liest, sondern fühlt - und das lange nachhallt.
Rezension zu:
Bezaubernde Hommage an die Autorin, die meine Kindheit geprägt hat
von JennifersBooks, 12. Mai 2026
Schon in der Grundschule war Astrid Lindgren für mich mehr als nur eine normale Autorin. “Pippi Langstrumpf” war mein Lieblingsbuch, “Ronja Räubertochter” mein liebster Film, und das schönste Geburtstagsgeschenk war ein dicker “Madita”-Sammelband, den ich bis heute wie einen Schatz hüte. In meinem Bücherregal gab es ein eigenes Fach nur für meine Astrid-Lindgren-Sammlung. Rückblickend kann ich also mit voller Überzeugung sagen, dass sie meine erste Lieblingsautorin war.
Vielleicht spricht mich dieses Buch deshalb so an. “Kennst du Astrid Lindgren?” fühlt sich an wie eine liebevolle Einladung, meinen Kindern genau jene zeitlosen Klassiker ans Herz zu legen, die mich selbst geprägt haben. Geschichten über Freundschaft, Mut, Optimismus und den eigenen Kopf; all das, was Kinder brauchen, um ihre ganz persönlichen Abenteuer zu meistern. Besonders spannend fand ich den Blick in Astrid Lindgrens Kindheit und in ihr Leben, lange bevor sie zur weltberühmten Autorin wurde. Irgendwie hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm, dass sie auch die Lieder zu den Filmen und Kinderserien selbst geschrieben hat. Das hat bei uns sofort einen kleinen Familienmoment ausgelöst: Wir haben unser altes Liederbuch wieder hervorgeholt - “Das große Astrid Lindgren Liederbuch” vom Oetinger Verlag aus dem Jahr 2007, das ich früher bei meiner Arbeit im Kindergarten und Schulhort ständig benutzt habe - und gemeinsam ein paar der Lieder gesungen. Meine Kinder kennen diese Lieder seit ihrer Geburt, und das gemeinsame Singen hat viele sehr schöne Erinnerungen in uns wachgerufen.
Das Buch zeigt eindrucksvoll, wie viel man über Astrid Lindgren erfahren und lernen kann. Ein Zitat von ihr hat uns besonders zum Lachen gebracht, vor allem meine Kinder - sie wissen nur zu gut, wie es aussieht, wenn ich versuche, in Bäumen herumzukraxeln, um Kirschen zu pflücken. Gleichzeitig ist es faszinierend zu entdecken, wie viele Elemente aus ihrem eigenen Leben in ihre Kinderbücher eingeflossen sind.
David Sundin hat Texte geschrieben, die die Stationen ihres Lebens wunderbar einfangen. Sie sind informativ, kindgerecht und genau in der richtigen Länge, damit junge Leser:innen den Inhalt gut aufnehmen können. Die Illustrationen von Amanda Berglund strahlen in kräftigen Farben und machen jede Seite zu einem kleinen Kunstwerk. Überall gibt es liebevolle Details zu entdecken: den Teppich unter Astrids Schreibtisch, aus dem Blumen wie auf einer Wiese wachsen, Bilder von Pippi und Michel an der Wand oder den kleinen Herrn Nilsson, der auf der Sofalehne sitzt.
Für mich ist dieses Buch eine rundum gelungene Hommage an eine der bedeutendsten Kinderbuchautorinnen überhaupt. Ich wünsche mir sehr, dass durch solche Bücher noch viele Kinder und Eltern auf Astrid Lindgren aufmerksam werden. Denn Kinder brauchen nicht nur Figuren wie Peppa Wutz, Paw Patrol oder MarvelHelden. Sie brauchen kleine, echte Helden, mit denen sie sich identifizieren können, weil sie ähnliche Sorgen, Freuden und Herausforderungen erleben wie sie selbst. Genau deshalb hoffe ich, dass uns diese wunderbaren Klassiker noch sehr lange erhalten bleiben.
Fazit: Ein warmherziges, wunderschön gestaltetes Buch, das Astrid Lindgrens Leben für Kinder greifbar macht und gleichzeitig die Magie ihrer Geschichten weiterträgt. Für mich ein echtes Herzensbuch und ein Geschenk an die nächste Generation kleiner Leser:innen.
Rezension zu:
Mehr Glitzer als Gänsehaut – die Düsternis bleibt aus
von JennifersBooks, 7. Mai 2026
Ich gebe dem Buch 3.5 Sterne.
"West of Wicked" ist ein Retelling von "Der Zauberer von Oz" – und genau mit diesem Wissen bin ich an die Geschichte herangegangen. Optisch hat mich das Buch sofort begeistert. Das Cover wirkt in echt noch viel eindrucksvoller, der Farbschnitt ist wunderschön gestaltet und die Innenseiten mit Karte und Spruch machen direkt Lust, in diese düstere Version von Oz einzutauchen. Auch der Aufbau mit dem Wechsel aus kurzen und längeren Kapiteln hat mir gut gefallen und sorgt für einen angenehmen Lesefluss.
Was mich zu Beginn am stärksten abgeholt hat, war der Blick in Dorothys Gedankenwelt. Ihre innere Leere, die Beklemmung, das Gefühl, in einem Leben festzustecken, das sie Em und Henry (ihre Zieheltern) zuliebe nicht infrage stellen darf – all das ist sehr greifbar. Gleichzeitig spürt man ihre Schuldgefühle und ihre Sehnsucht nach etwas Größerem, das sie sich kaum zu denken traut. Die verschiedenen Perspektiven im Buch fand ich ebenfalls spannend, weil sie der Geschichte mehr Tiefe geben und Figuren wie Cleo oder andere Wegbegleiter interessanter machen. Die Gedankenwelt der Charaktere bleibt für mich einer der stärksten Aspekte des Buches.
Trotzdem verläuft die Handlung insgesamt recht schleppend. Oft hatte ich das Gefühl, Dorothy würde eher einen gemütlichen Ausflug machen als sich in einer gefährlichen, unbekannten Welt zu bewegen. Die düstere Atmosphäre, die das Buch verspricht, kommt nur punktuell durch und baut sich erst spät wirklich auf. Dazu kommt, dass Dorothy für meinen Geschmack recht naiv handelt. Sie lässt sich emotional viel zu schnell auf andere Figuren ein, obwohl ihr Charakter und der Beginn des Buches eigentlich etwas anderes andeuten. Diese Naivität hat mich immer wieder aus der Geschichte herausgerissen.
Viele Szenen wirken zudem übermäßig konstruiert oder an manchen Stellen sogar deplatziert. Es gibt Momente, die sich nicht organisch aus der Handlung ergeben, sondern eher wie eingeschobene Elemente wirken, die die Geschichte künstlich strecken. Trotz der vielen interessanten Figuren und Ansätze kommt die Handlung einfach nicht richtig in Schwung. Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass Band 1 vor allem ein Trittstein für Band 2 ist – als würde die eigentliche Geschichte erst dort beginnen. Fast alles spielt sich entlang des gelben Ziegelwegs ab, und am Ende ist Dorothy noch nicht einmal ansatzweise in der Smaragdstadt angekommen. Der Handlungsaufbau bleibt für mich daher der größte Schwachpunkt.
Genretechnisch hat sich das Buch für mich häufig eher nach Young Adult angefühlt als nach New Adult. Das liegt zum einen an der Art, wie Beziehungen und Emotionen dargestellt werden, zum anderen daran, dass die wenigen Figuren relativ klar bestimmten Rollen zugeordnet sind. Zwar gibt es Szenen mit Blut, Messern und auch intime Momente zwischen einzelnen Charakteren, insgesamt bleibt die Darstellung aber überraschend harmlos und weniger intensiv, als ich es bei einem düsteren Retelling erwartet hätte. Die Figuren in Oz hätten für meinen Geschmack ruhig bedrohlicher, unheimlicher und insgesamt dunkler gezeichnet sein dürfen – dann hätten auch bestimmte Wendungen stärker und weniger vorhersehbar gewirkt.
Trotz dieser Kritikpunkte gibt es Elemente, die mich neugierig gemacht haben – besonders die Andeutungen rund um die Welt, die Figuren und die Geheimnisse, die noch im Hintergrund lauern. Einige Charaktere haben definitiv Potenzial, im nächsten Band stärker zu glänzen, und bestimmte Fragen möchte ich unbedingt beantwortet sehen.
Fazit: West of Wicked ist optisch ein Highlight und hat erzählerisch viele spannende Ansätze, die aber nicht immer konsequent genutzt werden. Die Atmosphäre baut sich langsam auf, manche Entwicklungen wirken konstruiert und die Handlung bleibt über weite Strecken erstaunlich ruhig. Für mich ist Band 1 ein solider Einstieg mit Luft nach oben – ein Buch, das neugierig macht, aber noch nicht sein volles Potenzial als düsteres Retelling ausschöpft.
Rezension zu:
Eine schöne Geschichte über das Erwachsenwerden
von JennifersBooks, 7. Mai 2026
Schon das Cover hat mich sofort angesprochen. Die warmen Farben, das Licht und die Personen auf dem Steg vermitteln ein Gefühl von Nähe, Freundschaft und dem Wunsch, die Zeit für einen Moment festhalten zu wollen. Gleichzeitig schwingt durch den Sonnenuntergang ein leiser Hinweis auf das Ende mit und all die Möglichkeiten, die vor einem liegen – ein stimmungsvolles Versprechen, das perfekt zu der sommerlichen Atmosphäre passt, die mich schon beim Aufschlagen des Buches erwartet hat. Mit genau dieser Mischung aus Wehmut und Hoffnung bin ich in "Der letzte Sommer vor dem Rest unseres Lebens" gestartet – und wurde überrascht, wie viel mehr das Buch zu erzählen hat, als man zunächst vermutet.
Was auf den ersten Blick wie eine leichte Young-Adult-Romanze wirkt, entpuppt sich schnell als tiefgründige Geschichte über Freundschaft, Verlust und das Erwachsenwerden. Im Mittelpunkt stehen Caplan und Mia, die sich seit der Grundschule kennen und trotz ihrer Unterschiede unerschütterlich füreinander da sind. Caplan, laut, beliebt und voller Energie, und Mia, introvertiert, lesend und oft Ziel von Gemeinheiten – ihre Freundschaft ist das Herz des Romans. Man spürt in jedem Kapitel, wie wichtig sie einander sind, wie sie sich stützen, anfeuern und trösten. Ich habe beide schnell ins Herz geschlossen, Mia vielleicht sogar ein wenig mehr, und selbst Nebenfiguren wie Hollis und Quinn haben mich berührt.
Besonders beeindruckt hat mich, wie sensibel die Autorin ernste Themen einbindet. Mias Vergangenheit ist schwer, ihre Panikattacken sind nachvollziehbar, und die Darstellung bleibt stets altersgerecht. Man versteht, was passiert ist, ohne dass unnötige Details erzählt werden – genau die richtige Balance für ein Jugendbuch. Gleichzeitig schafft es die Geschichte, dieses typische Schulgefühl zurückzubringen: erste Schwärme, erste Enttäuschungen, Cliquen, Lachen auf dem Pausenhof. Man fühlt sich, als würde man selbst noch einmal durch die Schulflure laufen und all die kleinen Dramen und großen Gefühle der Jugend erneut erleben.
Die Umgebung ist ausreichend beschrieben, um ein Bild im Kopf zu haben, doch der Fokus liegt klar auf den Figuren und ihrer Entwicklung. Das funktioniert gut, auch wenn ich mir an manchen Stellen etwas mehr Atmosphäre gewünscht hätte. Gegen Ende hatte ich zudem das Gefühl, dass die Geschichte etwas zu schnell zum Abschluss kommen musste. Die letzten Kapitel wirkten kürzer, und manche Entwicklungen kamen für mich etwas abrupt oder nicht ganz charaktertypisch rüber. Vielleicht liegt das daran, dass ich Mias Trauma nicht aus eigener Erfahrung nachvollziehen kann, aber einige Reaktionen fühlten sich für mich etwas hastig an.
Trotz dieser kleinen Schwächen hat mich das Buch emotional sehr berührt. Die Freundschaften, die sich im Laufe der Handlung entwickeln, sind warmherzig und glaubwürdig, und das eher offene Ende passt wunderbar zu dieser Lebensphase, in der alles möglich scheint und die Zukunft noch unbeschrieben vor einem liegt.
Fazit: Ein gefühlvoller, berührender Roman, der deutlich mehr Tiefe besitzt, als man zunächst erwartet. Trotz kleiner Schwächen im letzten Drittel hat mich die Geschichte mitgerissen und lange beschäftigt. Für mich klare vier Sterne.
Rezension zu: