Ein Museum voller Vögel zum Blättern und Entdecken
von Elinor, 7. September 2026
„Das Museum der Vögel“ ist ein wunderschön gestaltetes, großformatiges Sachbuch, das trotz seiner Größe angenehm handlich bleibt, weil es nicht unnötig dick und damit auch nicht schwer ist. Es gehört zu einer Reihe, in der es bereits Bände über beispielsweise Bäume, Insekten, das Meer und den menschlichen Körper gibt.
Besonders gut gefällt mir die Aufteilung: Das Buch ist tatsächlich wie ein Museum aufgebaut und führt durch verschiedene „Räume“. Dadurch wirkt es abwechslungsreich und lädt zum Stöbern und Entdecken ein. Überhaupt ist die Gestaltung angenehm locker und wirkt nicht so vollgepackt wie manches andere Sachbuch. Gerade für Kinder dürfte das ein großer Pluspunkt sein.
Die Illustrationen sind großartig. Besonders angetan haben es mir die Zeichnungen der verschiedenen Lebensräume am Ende jedes Kapitels sowie die großen, über zwei Seiten reichenden Porträts einzelner Vogelarten. Die Texte sind informativ, dabei aber so verständlich geschrieben, dass auch Kinder gut folgen können. Nur an ein oder zwei Stellen hätte ich auf Fremdwörter wie „Hämoglobin“ verzichtet – zumal an anderer Stelle auch die deutsche Bezeichnung verwendet wird.
Natürlich kann ein Buch, das Vögel aus der ganzen Welt vorstellt, nicht sehr tief in einzelne Arten oder Lebensräume einsteigen. Es kratzt zwangsläufig eher an der Oberfläche. Dafür bietet es einen tollen Überblick und macht Lust, sich mit den einzelnen Vögeln weiter zu beschäftigen. Und genau das hat bei mir hervorragend funktioniert: Obwohl ich mich einigermaßen gut mit Tieren und Pflanzen auskenne, habe ich beim Lesen erstaunlich viele Vogelarten neu kennengelernt.
Damit ist das Buch meiner Meinung nach nicht nur für Kinder interessant, sondern ebenso für Erwachsene, die Freude an Natur und an schön illustrierten Sachbüchern haben.
Einen kleinen Verbesserungsvorschlag hätte ich allerdings: Statt des heute offenbar unumgänglichen Glanzeffekts auf dem Cover hätte ich mir ein Lesebändchen gewünscht. Das wäre bei einem Buch, in dem man immer wieder stöbern und zu einzelnen Vögeln zurückkehren möchte, für mich die sinnvollere Ergänzung gewesen.
Insgesamt ein sehr schönes, informatives und vor allem zum Entdecken einladendes Buch.
Rezension zu:
Zu wenig Löwe
von Elinor, 20. Juli 2026
„Löwe“ ist der Roman über einen außergewöhnlichen Mann mit einem außergewöhnlichen Leben, erzählt aus der Perspektive seiner ältesten Tochter, der Autorin. Sonya Walger beschreibt ihr Leben mit ihm in einer ebenso außergewöhnlichen Erzählform, springt in der Zeit hin und her, wie es ihr gefällt. Sie beleuchtet dabei immer nur einzelne Punkte in ihrem eigenen Leben, dem ihres Vaters und der Menschen um ihn herum.
Sie schreibt natürlich alles aus ihrer Wahrnehmungsperspektive und kann letztlich nur das erzählen, was sie von ihrem Vater weiß, oft aus erster Hand, manchmal auch aus zweiter. Doch mir ist das zu wenig. Erst im letzten Viertel des Buches erfahre ich mehr von dem Mann, den seine späten Freunde „Löwe“ nennen, und wie er zu dem Spitznamen kam. Doch große Teile seines Lebens, z.B. seine Zeit als Rennfahrer oder seine obskuren Geschäfte, werden nur am Rande erwähnt und bleiben mysteriös.
Letztlich ist es also doch eher ein Roman über die Autorin selbst, was den Titel des Buches merkwürdig erscheinen lässt und Erwartungen weckt, die nicht erfüllt werden.
Mich lässt das Buch mit dem Gefühl zurück, dass ich auf einen extraordinären Mann nur einen kleinen Blick erhaschen durfte und noch viel mehr zu sehen gewesen wäre, wenn man mich ein bisschen näher herangelassen hätte — vielleicht ganz so, wie es Walger selbst mit ihrem Vater erging.
Rezension zu:
Poetisches Porträt einer tragischen Liebe
von Elinor, 20. Juli 2026
Constantin Lieb erzählt in „Wildboden“ die letzten Lebensjahre des Malers Ernst Ludwig Kirchner und seiner Lebensgefährtin Erna Schilling. Von 1923 bis zu Kirchners Tod 1938 leben beide zurückgezogen im Haus Wildboden in der Schweiz. Kirchner leidet unter Krankheit, Morphiumabhängigkeit und zunehmendem Verfolgungswahn. Erna selbst kämpft mit Depressionen und trägt dennoch unermüdlich die Last des gemeinsamen Lebens. Sie organisiert den Alltag, schützt ihn nach Kräften und bleibt bis zuletzt seine wichtigste Stütze – auch wenn sie seinen Suizid letztlich nicht verhindern kann.
Besonders beeindruckt hat mich die Art, wie Constantin Lieb Geschichte erzählt. Sein Schreibstil ist poetisch und bildhaft, wirkt dabei aber stets glaubwürdig und historisch fundiert. Man spürt, dass der Roman auf Briefen und Tagebüchern basiert, die der Autor mit fiktiven Szenen ergänzt hat. Dadurch entsteht das Gefühl, den beiden Menschen sehr nahe zu kommen.
Vor allem Ernas Einsamkeit hat mich berührt. Ihr Leben scheint sich vollständig um Kirchner zu drehen, während sie sich in den Schweizer Bergen immer mehr von der Welt zurückzieht. Gleichzeitig liegt über dem Roman die beklemmende Atmosphäre der NS-Zeit, deren Schatten selbst bis in die neutrale Schweiz reichen. Lieb vermittelt historische Zusammenhänge dabei ganz selbstverständlich, ohne belehrend zu wirken – Geschichte wird hier nicht erklärt, sondern fühlbar gemacht.
Der rätselhafte Tod Kirchners bildet den bewegenden Höhepunkt des Romans. Besonders eindrücklich fand ich, dass die Geschichte danach nicht endet. Erna bleibt auf Wildboden, und auch nach seinem Tod kreisen ihre Gedanken und ihr Leben weiterhin um den Mann und sein Werk. Gerade dieses Nachspiel verleiht dem Roman eine besondere Tiefe.
„Wildboden“ ist kein leichtes Buch, sondern ein stilles, melancholisches und bewegendes Porträt zweier Menschen, die auf unterschiedliche Weise an ihren inneren Kämpfen leiden. Ich empfehle den Roman allen, die sich für die Zeit des Nationalsozialismus, für Kunstgeschichte oder für eindringliche biografische Romane interessieren.
Rezension zu: