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Die Katastrophe naht. Aber wie?
von Herwig Oberlerchner, 7. November 2025

Charlottes Persönlichkeit ist brüchig, vielleicht hat sie wirklich den Vaterkomplex, den sie an sich vermutet. Sie sucht nach Anerkennung und Lob, besonders von ihrem Chef, einem Verleger, dem man eine narzisstische Persönlichkeit unterstellen möchte. Dessen Forderungen und Willkür und Kränkungen und Übergriffen ordnet sie ihre eigenen Bedürfnisse unter. Allein in der Großstadt, enttäuscht von der Liebe und ausgehöhlt von der Arbeit als Assistentin des Verlegers, zunehmend dekompensierend, findet sie einen Halt oder eher ein Ventil, die Musik.
Lebensnahe Geschichte, gut erzählt, detaillierte Charaktere, elegante Entwicklung des Labyrinths neurotisch-kollusiver Beziehungen in komplexen Institutionen, aber interessant wird das Buch vor allem durch ein Stilmittel: Immer wieder gestattet die Autorin einen Blick in die Zukunft, deutet aus der Perspektive der begleitenden Erzählerin besorgniserregende Entwicklungen und Katastrophen an, die eintreffen oder auch nicht, regt so Fantasien an und erhöht geschickt die Spannung. Man weiß, es wird sich zuspitzen. Aber wie? Raffiniert. Man leidet mit der Protagonistin, ärgert sich über sie, distanziert sich von ihr, trauert und kämpft mit ihr entlang der vorerst unerfüllten Sehnsucht, endlich gesehen und gehört zu werden. Dann sitzt sie am Meer. Und Bo war auch wieder da.

Interessante Erzählstimme
von LeserinLu , 7. November 2025

Mit „Die Assistentin“ zeigt Caroline Wahl erneut, dass sie die Kunst beherrscht, Gesellschaftsbeobachtung, psychologische Genauigkeit und unterhaltsames Erzählen zu verbinden. Diesmal nimmt sie sich die Arbeitswelt vor: das Machtgefüge eines Verlags.

Charlotte beginnt als Assistentin in einem Verlag in München. Was als vermeintlich vernünftiger Neustart beginnt, entwickelt sich zu einem Albtraum. Ihr Chef erkennt ihr Potenzial und nutzt es aus. Schritt für Schritt gerät Charlotte in eine Dynamik aus Druck, Anpassung und Abhängigkeit, wie sie viele aus der modernen Arbeitswelt kennen: ständige Erreichbarkeit, Überforderung, das Gefühl, sich beweisen zu müssen. Ihr Chef überschreitet nach und nach immer mehr Grenzen.

Besonders interessant fand ich die Erzählstimme: eine allwissende Instanz, die kommentiert, vorwegnimmt, über das Erzählen eines Romans reflektiert und so immer wieder den Abstand schafft, den Charlotte selbst nicht findet. Dieses Spiel mit Perspektive und Metaebene hebt den Roman sprachlich deutlich von Wahls ersten Romanen ab, hat mir aber richtig gut gefallen. Die Dialoge sind dabei gewohnt pointiert und unterhaltsam, die Protagonistin ist typisch sympathisch unperfekt, während sie ihren eigenen Weg sucht. Trotz der Schwere des Themas liest sich auch dieser Roman leicht und flüssig – ein Buch, das man in einem Rutsch lesen möchte!